Marx-Lesekreise bundesweit — ergänzende Texte und Vorträge

Marktwirtschaft und Freiheit

Marktwirtschaft ist ein Name für die Produktionsweise, die nach dem Ende des Sozialismus überall auf der Welt herrscht, – und zwar ein verlogener. Bei historisch vergangenen Formen findet man es richtig, die Wirtschaft durch den in ihr herrschenden ökonomischen Zweck zu charakterisieren z.B. Subsistenzwirtschaft und Merkantilsystem. Auch nach der jeweils herrschenden Klasse und der Stellung der Arbeitenden wurden historische Produktionsweisen korrekt benannt – Sklavenwirtschaft, feudale Produktionsverhältnisse. Die heutige Wirtschaftsform soll sich dagegen von anderen nicht durch einen vorherrschenden Zweck des Wirtschaftens und nicht durch eine charakteristische Stellung der Herrschenden bzw. der Arbeitenden auszeichnen, sondern ausschließlich durch eine ökonomische Verkehrsform, einen Steuerungsmechanismus für Wirtschaftsprozesse.

Der Grund für die verschämte Benennung der Wirtschaftsweise, die heute wieder offen Kapitalismus genannt werden darf, gehört in die Zeit der Systemkonkurrenz mit dem Realen Sozialismus: Der Vergleich der Systeme brauchte eine Gemeinsamkeit, an der sie sich dann unterscheiden konnten. Der Kapitalismus konnte da nicht gut den Reichtum seiner Reichen und das Wachstum ihres Kapitals gegen die geplante Volksversorgung im Osten ausloben. Deshalb stellte man nicht Kapitalismus und Sozialismus, sondern Markt- und Planwirtschaft gegenüber. Man hat so getan, als dienten beide Produktionsweisen demselben Zweck – der Versorgung der Menschen mit den Mitteln des Bedarfs – und würden sich nur durch die Wege, ihn zu erreichen, unterscheiden. Dieses Verfahren, die Marktwirtschaft als die überlegene Methode der Güterversorgung hinzustellen, hat die Systemkonkurrenz überlebt.

Dabei ist das Lob der sagenhaften Effizienz des Marktes verräterisch: Er, heißt es, zwinge die Produzenten, wirklich nachgefragte Güter herzustellen, und die Konsumenten, je nach Größe ihres Geldbeutels, aus dem Güterangebot auszuwählen und ihr persönliches Nutzenoptimum zu suchen. Dass die einen also Gründe hätten, etwas anderes herzustellen, als das, was die Menschen brauchen, wird ebenso stillschweigend unterstellt, wie der Umstand, dass die Befriedigung der Bedürfnisse gar nicht herauskommt, wenn Leute sich beim Kaufen beschränken müssen und das, was sie brauchen, sich danach bestimmt, was sie zahlen können. Der wunderbare Markt scheint nur Probleme zu lösen, die es ausschließlich wegen der Marktwirtschaft gibt!

Das Lob des Marktmechanismus läuft darauf hinaus, dass der Zwang, den er ausübt, ein unbewusster und unpolitischer Zwang – ein „Sachzwang“ – ist, der den ihm Unterworfenen ihre Freiheit lässt: Die Anbieter dürfen produzieren und anbieten, was sie wollen. Ob sie Käufer für ihre Waren oder Dienste finden, ist ihr Risiko und stellt sich erst nach getaner Arbeit am Markt heraus. Die Käufer dürfen im Rahmen ihrer Kaufkraft auswählen, was sie wollen. Die Zurückweisung ihrer Bedürfnisse wird von niemandem verordnet: Sie beschränken sich durch ihre Kaufentscheidung selbst. Mit jeder Ware, die sie kaufen, geben sie ihr Geld aus und entscheiden darüber, was sie sich alles nicht mehr kaufen können. Besonders nützlich ist das alles nicht – und die Freiheit stellt sich durch dieses Lob als das heraus, was sie ist: Nichts anderes als die unbewusste und unbeherrschte Form der wechselseitigen Abhängigkeit arbeitsteilig produzierender Menschen.

Tatsächlich ist der Markt eben keine abstrakte Methode der „Koordination wirtschaftlichen Handelns“, die sich für beliebig humane Zwecke nutzen ließe. Er ist die ökonomische Verkehrsform des Kapitalismus, in der alle seine Konsequenzen samt Armut und Reichtum, Arbeitslosigkeit der einen und Überarbeit der anderen schon voll drinstecken. Wie das alles drinsteckt – wird im Vortrag näher erläutert.

Referent: Dr. Peter Decker (GegenStandpunkt Verlag)

Inhalt

  1. „Marktwirtschaft“: Kein Name für eine Sache, sondern programmatische Ideologie, geboren im Systemvergleich – Der Markt als „beste Methode der Verteilung“
  2. Der Markt als gelungene Kombination von Freiheit und Zwang angesichts knapper Güter und maßloser Bedürfnisse
  3. Der Markt als Verhinderung des Machtmonopols der Produzenten, Verpflichtung zur Effizienz und Ausgleich von Konsumenten- und Produzenteninteresse – ganz ohne Kommando
  4. Die Wahrheit des Marktes: Konkurrenz um die Realisierung lohnender Preise
  5. Der Markt als spontane oder selbstregulierende Organisation der Produktion
  6. Der Markt kein Ort, sondern die Zirkulation des Kapitals – Diskussion: Der Markt als die effizienteste Antwort auf die Unvernunft des Menschen
  7. Die „Theorie“ von der „invisible Hand“: Die Metaphysik der VWL und ihr Nutzen für das wasserdichte Lob des Kapitalismus – Nachträge: Staat und Markt

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