Marx-Lesekreise bundesweit — ergänzende Texte und Vorträge

Klassiker des ML

Das kommunistische Manifest

Ein mangelhaftes Pamphlet – aber immer noch besser als sein moderner guter Ruf

I. Ein Gespenst geht um in Europa – die Liebe zum kommunistischen Manifest.

Wäre die alte Agitationsschrift von Marx und Engels nicht ausgerechnet dieses Jahr 150 Jahre alt geworden, kein Hahn hätte danach gekräht. Der Faszination der runden Jahreszahl konnten sich die kritischen Köpfe der freiheitlichen Öffentlichkeit aber einfach nicht verschließen: Rückschau stand an und eine kritische Würdigung des Frühwerkes der „Ahnväter des Kommunismus“. Von deren Spätfolgen hält man zwar weniger denn je etwas: Seit die Sowjetmacht sich aufgelöst hat, gilt deren System in zunehmendem Maße nur noch als Verbrechen. Als Sieger der Geschichte kann der abendländische Geist aber manches wieder interessant finden, wovon er sich bis neulich noch schwer bedroht gefühlt hat und das er deshalb ernster nehmen musste, als ihm lieb war:

„Doch nun, da es einen ernstzunehmenden Marxismus nicht mehr gibt, besteht auch die Chance, vorurteilsfrei die Seiten des Marxschen Werkes zu betrachten, in denen er recht behielt.“ (Nikolaus Piper, SZ 21.2.98)

Mit der größten Selbstverständlichkeit legt dieser Vertreter der absolut überparteilichen und unabhängigen „vierten Gewalt“ ein Bekenntnis zum parteilichen Denken im Dienste seiner Obrigkeit ab. Solange es eine real existierende Alternative zum wunderbaren System von Marktwirtschaft und Demokratie gab, hatte der in westlichen Redaktionen beheimatete kritische Sachverstand schlechterdings keine Chance zur vorurteilsfreien Analyse linken Schrifttums. Propaganda gegen linke Systemgegner war damals nun mal ein Gebot der Freiheit. Jetzt, wo der gefährliche Spuk vorbei ist, kann man das erstens gelassen zugeben und sich zweitens ganz unverkrampft der Frage zuwenden, was uns das „Gespenst“ aus dem Kommunistischen Manifest heute noch zu sagen hat. Die Antworten sind entsprechend.

1. Ein großes Stück Weltliteratur

Da herrscht Einigkeit in der literaturkritischen Fachwelt: Marx, der konnte dichten! Von „geradezu biblischer Sprachgewalt“ soll der Text sein, den die beiden sozialistischen Agitatoren vor 150 Jahren zu Papier brachten: mindestens „ein Meisterwerk der Weltliteratur“ (Umberto Eco), „eines der herrlichsten Prosastücke der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts“ (Marcel Reich-Ranicki). Ein Text, wie eine Symphonie: „Er beginnt mit einem Paukenschlag, wie die Fünfte von Beethoven“ (noch mal Umberto Eco)… So kann man seitenweise Textanalysen fabrizieren, über die „lapidaren Sätze“ mit ihren „schöpferischen Eruptionen“ und „unvergesslichen Aphorismen“ (Gespenst geht um!, Ketten verlieren… Welt zu gewinnen!) darherschwafeln, den Text als Schulungsmaterial für Werbefachleute empfehlen, weil man sich angeblich seiner zwingenden Kraft als Literatur nicht entziehen kann, ohne auch nur im geringsten von dem Inhalt der Schrift angetan zu sein. Geschweige denn, sich diesem Inhalt nicht entziehen zu können. Das begeisterte Getue nach dem Motto: „Schöön haben sie das gesagt!“ ist die denkbar größte Distanz, die man zu der alten Agitationsschrift einnehmen kann. Denn immerhin wollten Marx und Engels damals nicht noch’n Gedicht schreiben, sondern die Arbeiter zu einer proletarischen Revolution aufhetzen.1

Aber nicht nur auf literarischem Gebiet, auch auf dem Felde der Ökonomie sollen die Autoren des kommunistischen Manifests Großartiges geleistet haben. Lauter erklärte Antikommunisten entdecken im Kommunistischen Manifest:

2. Die beste Wirtschaftsprognose, die die Welt gesehen hat

Die Zukunft des weltweiten Kapitalismus haben Marx und Engels nämlich angeblich messerscharf vorausgesehen und dabei nicht mit Lob gespart für seine grandiosen Taten. Eine erstaunliche Leistung soll das gewesen sein, wo doch.

„der Industriekapitalismus erst am Anfang seiner eigenen, äußerst dynamischen Weltrevolution stand, die im Manifest gepriesen wurde.“ „Der Text auf 30 Druckseiten sagte korrekt den Konzentrationsprozess in der Wirtschaft voraus, auf Kosten der bisherigen kleinen Mittelstände, kleinen Industriellen, Handwerker und Bauern. Mit dem Donnerhall alttestamentlicher Propheten kündigte er vor 150 Jahren die Globalisierung an.“ (Friedjof Meyer, Spiegel 16.3.98).

„Nie wurde die kapitalistische Globalisierung, kaum dass sie begonnen hatte, grandioser besungen als im Februar 1848.“ (Mathias Greiffrath, Die Zeit 5.2.98)

Selbst das Handelsblatt muss der prognostischen Kraft des Marxismus Respekt zollen:

„…manche seiner Prognosen sind von der Entwicklung bestätigt worden und lassen sich heute als Zustandsbeschreibungen selbst in den Leitartikeln bürgerlicher Zeitungen nachlesen.“ (Hans Mundorf, HB 25.2.98)

Ausgerechnet an dieser ersten Hetz-Schrift gegen den weltweiten Kapitalismus wollen sie nämlich nichts Geringeres als ihr eigenes Gerede von der Globalisierung mit ihren Gefahren und Chancen für den Standort Deutschland ausgemacht haben. Begeisterung kommt auf bei allen Freunden der Globalisierungs-Ideologie angesichts folgender Passage:

„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird… An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit voneinander.“ (zitiert nach Handelsblatt v. 25.2.98, aber so oder ähnlich auch in sämtlichen anderen Lobreden auf den Prognostiker Marx zu finden)

Weiter im Handelsblatt-Text:

„Könnte das nicht der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel, in einer seiner Standortreden ähnlich gesagt haben, und zwar nicht als Prophezeiung, sondern als Abmahnung an die Adresse der Reaktionäre, die immer noch an der Tarifautonomie, am Sozialstaat, an der Nationalität eines Währungs-, Wirtschafts- und Steuersystems festhalten? Und wer wollte im Jahr 1998 der Feststellung von Marx aus dem Jahr 1848 widersprechen, dass es für die Wirtschaft ein Gesetz der Konzentration gibt, ‚dass die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen‚ der Konkurrenz der Großunternehmen zum Opfer fallen? An die Stelle des industriellen Mittelstandes werde die große Industrie treten, beherrscht von den ‚Chefs ganzer industrieller Armeen‘.“

Nein, das muss sich der alte Marx wirklich nicht nachsagen lassen, dass sein Text eine gelungene Redevorlage für den heutigen Kapitalistenchef abgäbe.2

Im Unterschied zu allen modernen Standort-Rednern und Leitartikel-Schreibern, die ein Phänomen namens „Globalisierung“ beschwören, das unser aller Schicksal sein soll, dem sich niemand, kein Politiker, kein Unternehmer, kein Gewerkschaftsführer entziehen kann, und das deshalb immer zu dem wenig originellen kapitalistischen Sachzwangs führen soll: die Geschäftsbedingungen für das Kapital müssen verbessert, die Löhne müssen drastisch gesenkt werden… – im Unterschied zu Gestalten wie Henkel und Co. benennt das Kommunistische Manifest erstens ein Subjekt, das sich den Erdball nach seinen Bedingungen zurechtmacht. Wo Marx schreibt: „Die Bourgeoisie jagt über den ganzen Erdball“, nehmen die des Lesens offenkundig nur selektiv fähigen moderne Freunde der „Globalisierungs-Debatte“ zur Kenntnis: „…jagt über den Erdball = Globus = Globalisierung = wir sitzen alle in der „Globalisierungsfalle = die Löhne müssen runter, wer sagt’s denn!“ Wo die modernen Apologeten des weltweiten Kapitalismus keine Macher und Nutznießer dieser Produktionsweise mehr kennen wollen, sondern nur noch Betroffene, erklärt das Kommunistische Manifest zweitens die Notwendigkeit des Interessengegensatzes zwischen Kapital und Arbeiterklasse. In einer Zeit, in der die kapitalistische Produktionsweise gewaltsam gegen die noch bestehenden feudalistischen Interessen durchgesetzt wurde, erkannten Marx und Engels die Qualität des neuen, unversöhnlichen Interessengegensatzes, der mit dem Sieg der Bourgeoisie über die feudale Gesellschaftsordnung eingerichtet wurde. Das Proletariat, die eigentumslose Klasse der Lohnarbeiter, die durch die bürgerliche Revolution gerade erst herstellt wurde, wollten sie aufhetzen zu einem Kampf gegen die neue Herrschaftsklasse, die dabei war, „sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde zu schaffen“. Denn ihnen war klar, welche noch nie dagewesene Barbarei mit der neuen fortschrittlichen Produktionsweise weltweit durchgesetzt wurde:

„In den Handelskriegen wird ein großer Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt.“

Hier haben Marx und Engels nicht eine Prognose gewagt und die Wirtschafts- und Finanzkrisen des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts vorausgesagt, sondern zum Kampf gegen eine Gesellschaftsordnung aufgerufen, in der die Schaffung von Reichtum notwendigerweise Elend produziert. Einer Produktionsweise also, in der Armut nicht mehr länger Resultat von Mangel ist, sondern das zwangsläufige Resultat einer hemmungslosen Vermehrung von kapitalistischem Reichtum. Im Moment der Durchsetzung des kapitalistischen Privateigentums war ihnen die Ungeheuerlichkeit dieses neuen Produktionsverhältnisses klar: Es beruht auf dem ständig neu reproduzierten Ausschlussss der eigentumslosen Massen von dem in nie gekannter Dimension wachsenden Reichtum, den sie als Lohnabhängige gezwungen sind für ihre Fabrikherren zu schaffen.

Dass dieser neue Klassengegensatz mit dem Sieg der Bourgeoisie zum alles Entscheidenden wird, dass davor „alles Ständische und Stehende verdampft“, alle sonstigen gesellschaftlichen Gegensätze und Problemlagen nebensächlich werden, darauf wollte das Kommunistische Manifest die „Proletarier aller Länder“ aufmerksam machen. Es war die Aufforderung, die in alle möglichen Kämpfe involvierten Massen sollten sich nicht zum Mittel für den gerade stattfindenden Durchsetzungskampf der Bourgeoisie gegen die Feudalordnung machen lassen, sondern gleich den Übergang zum alles entscheidenden Klassenkampf gegen das Privateigentum machen.

Es gehört schon ein beträchtliches Maß an interessiertem Analphabetismus dazu, aus dem alten Manifest, das zur Abschaffung des Privateigentums, zum Angriff auf das kapitalistische Produktionsverhältnis aufruft, Marx‘ Diagnose des Klassengegensatzes glatt zu eliminieren und statt dessen eine gelungene Beschreibung der Problemlage unserer heutigen Wirtschaftsführer mit ihren „Standortsorgen“ herauslesen.

Aber es kommt noch besser: Der Wirtschaftsfachmann des Handelsblatts seufzt nach einem „neuen Marx“, damit er und seinesgleichen sich im – von ihm und seinesgleichen sonst immerzu gepriesenen – „freien Spiel der Märkte“, das ohne jede Planung doch bekanntlich so wunderbar funktioniert und letztlich der Menschennatur so unnachahmlich entspricht, noch zurechtfinden können – oder doch zumindest den einen oder anderen Tip bekommen könnten, wo sich das Investieren noch lohnt…

„Marx und Engels verstanden sehr viel von der Ökonomie ihrer damaligen Zeit. Lebten sie heute, wären sie vermutlich keine Kommunisten, sondern liberale, das heißt beamtete Professoren der Wirtschaftswissenschaften. Auch in dieser Eigenschaft würden sie sicherlich mehr leisten als die unentwegte Reproduktion von Adam-Smith-Zitaten. Sie würden vielleicht doch den Mut haben, auch einen Blick in die Zukunft zu richten, und wenigstens eine Theorie des Globalismus entwickeln. Denn wenn schon Produktion und Konsumtion immer kosmopolitischer werden müssen, wenn den nationalen Industrien der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wenn alles Ständische und Stehende verdampfen muss, von den nationalen Währungen bis zu den nationalen Tarif- und Sozialsystemen: Warum gibt es keine „Allgemeine Theorie“ solcher Veränderungen? Warum gibt es keine Konzepte, was in Deutschland an die Stelle der Tarifautonomie treten könnte, wie sich die Sozialversicherungen bei sinkenden Löhnen finanzieren ließen, welche Transferleistungen in Europa notwendig werden, wenn der Wettbewerb der Währungen außer Kraft gesetzt wird? Und warum muss die Welt immer überrascht werden von Währungskrisen wie in Südamerika, Mexiko oder in den asiatischen Tigerstaaten? Warum steht das Wissen um die Gebrechlichkeit solcher Staaten immer erst nachträglich und nie rechtzeitig zur Verfügung?“

Ein paar Zeilen vorher war sich der Handelsblatt-Schreiber zwar sicher, dass „Marx und Engels sicher gute Diagnostiker, aber unfähige Therapeuten“ waren – aber was soll’s: Auf den kleinen Nebenwiderspruch kommt es auch schon nicht mehr an bei einem Menschen, der ungerührt zu Protokoll gibt, dass die Wirtschaftsweise, deren hundertprozentiger Anhänger er ist, nach Gesetzen vor sich hin funktioniert, die keiner ihrer Akteure oder Ideologen durchschaut. Diesem geballten wirtschaftlichen Sachverstand ist deshalb auch völlig selbstverständlich, dass eine „Theorie der Globalisierung“ nie und nimmer auf die fundamentale Kritik einer Ökonomie hinausläuft, die solche wahnwitzigen Verhältnisse produziert. Nein, beim Handelsblatt ist der marktwirtschaftliche Realismus zu Hause, und für den ist „Theorie“ so ungefähr dasselbe wie ein Konzept zur „sozialverträglichen Senkung der Lohnkosten“ am Standort Deutschland oder ein paar astreine Tips fürs Finanzkapital, welcher „emerging market“ auch übermorgen noch einer ist… Solche Konzepte gibt es nun wirklich massenhaft, fabriziert von „liberalen Wirtschaftsprofessoren“ und Wirtschaftsinstituten, dazu muss man nicht den alten Marx ausgraben und auch noch postum verbeamten! Aber genaugenommen seufzt der Mann vom Handelsblatt weder nach einer „Theorie der Globalisierung“ noch nach aktuellen wirtschaftspolitischen Konzepten und Prognosen, sondern nach einer unschlagbaren Erfolgsstrategie für den Wirtschaftsstandort Deutschland in der weltweiten Konkurrenz. Da wird er sich wohl auch zukünftig mit der unentwegten Reproduktion von Gejammer beschäftigen können, dass man angesichts der „freien Konkurrenz der Märkte“ immer erst nachträglich weiß, wo sich ein Geschäft gelohnt hat und wo nicht. Falls der unwahrscheinliche Fall eintritt, dass er irgendwann wissen will, woran das liegt: Sollte er vielleicht einfach mal ein bisschen marxistische Theorie studieren…

Das würde auch einem weiteren kritischen Geist nichts schaden, der damit angibt, nicht nur das Manifest, sondern auch das „Kapital“ gelesen zu haben, um dann zu folgender Erkenntnis zu kommen:

„Zumindest das Kapital ist, wie mittlerweile sogar Wirtschaftswissenschaftler begreifen, kein Programm zur Abschaffung, sondern im Gegenteil eine Art Bibel des Kapitalismus, mit einem hohen Anteil von prophetischen Büchern, in denen die Entwicklung von Welt und Wirtschaft beängstigend genau vorherberechnet wird, inklusive Globalismus und Geldhandelsirrsinn. Wobei Irrsinn bloß so ein journalistischer Ausrutscher ist; Marx selber, kühl bis ans Herz, behauptete, das müsse so sein. Und setzt nicht einmal das Wörtchen ‚leider‘ hinzu, jedenfalls nicht im Kapital. Gar nicht dumm im analytischen Teil liest sich auch das Kommunistische Manifest. Wenn bloß dieser merkwürdige Schlusssatz nicht wäre: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘ Ja, wozu denn, um Himmels willen?“ (Rainer Stephan, SZ 3.3.98)

Ziemlich dumm im analytischen Teil. Aber wir buchstabieren gerne noch einmal für die Analphabeten aller Länder: Dieser „merkwürdige Schlusssatz“ kommt so zustande: Nachdem der Klassenfeind – die Bourgeoisie – charakterisiert ist, werden ihre notwendigen Opfer – die „Proletarier aller Länder“ – zum Klassenkampf gegen die weltweite Herrschaft des Privateigentums und seine politischen Garanten aufgerufen. Wir bezweifeln bloß, dass diese Erläuterung etwas nutzt angesichts der beachtlichen geistigen Leistung des Herrn Stephan, die oppositionelle Stellung gegen das Privateigentum aus dem Marx’schen Schrifttum einfach auszublenden. Oder wie sonst sollte man darauf kommen, im „Kapital“ eine Art „Bibel des Kapitalismus“ zu sehen, die „bloß“ mal eben „kühl“ darstellt, dass im Kapitalismus alles so sein muss, wie es ist? Ja, wenn das Wörtchen „leider“ wenigstens ab und zu zum Einsatz gekommen wäre, dann hätte man sich als moralischer Mensch vielleicht vorstellen können, dass Marx irgendetwas Grundsätzliches an den kapitalistischen Verhältnissen auszusetzen hatte. Aber so, so hat er ja „nur“ die Systematik der kapitalistischen Produktionsweise analysiert und die Notwendigkeit des Elends einer ganzen Klasse erklärt. Und weil er diese Notwendigkeiten des Systems analysiert hat, hat Marx auch gewusst, dass das Elend dieser Welt nicht mit einem herzzerreißenden „Leider“ zu bedenken ist – das hat er den Pfaffen und Systemverbesserern überlassen. Denn gerade weil der Kapitalismus, solange es ihn gibt, so funktioniert, wie er eben funktionieren muss, hat Marx darauf bestanden, dass dieses System nicht verbessert, sondern abgeschafft werden muss. Das alles hat Herr Stephan lieber nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Fürs Leben gemerkt hat er sich statt dessen: „Der Kapitalismus ist ein amoralisches System“ – aber was sein muss, muss wohl sein, leider, leider…

Andererseits kann man gar nicht oft genug betonen, dass die „bedauerlichen Zustände des Manchesterkapitalismus“, die nach Auskunft der heutigen Rezensenten des Manifests damals durchaus zu Recht angeprangert wurden, mittlerweile längst überwunden sind. Wenn man es richtig liest, ist das Kommunistische Manifest nämlich:

3. Eine Sozial-Charta, die durch die soziale Marktwirtschaft längst eingelöst ist.

Denn nicht nur in ihren Diagnosen – oder genauer gesagt: ihren angeblichen Prognosen – auch in der vorgeschlagen Therapie bekommen die Autoren des Kommunistischen Manifests von ihren modernen Fans ein dickes Lob. Mit Begeisterung stürzen sie sich auf die 10 Forderungen, die am Ende des 2. Kapitels als passende nächsten Schritte hin zur proletarischen Revolution aufgelistet werden: Forderungen, die ein etwas eigenartiges Sammelsurium darstellen: von der Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben über die Einführung einer Progressivsteuer bis zur Zentralisation des Kredits in den Händen des Staates und der Beseitigung des Unterschieds von Stadt und Land … wird hier für interessierte moderne Ideologen einiges Material geboten. Dass nicht jeder der belesenen Kommentatoren des Kommunistischen Manifestes das Vorwort zu dessen zweiter Auflage aus dem Jahre 1872 gelesen hat, will man ihnen nicht unbedingt vorwerfen. Obwohl sie dann hätten zur Kenntnis nehmen können, dass Marx und Engels sich ziemlich bald nach Erscheinen des Manifests eines Besseren besonnnen hatten und sich von diesen 10 Forderungen distanzierten. Was die Lektüre des Manifestes selber betrifft, muss man allerdings auch an dieser Stelle wieder eine ausgeprägte Form der Leseschwäche bei den Rezensenten feststellen. Denn immerhin werden dort diese Forderungen charakterisiert als „Maßregeln, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Laufe der Bewegung über sich hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind“. Einen „konkreten Teilerfolg“ konnten sich die beiden Revolutionäre also vorstellen auf dem Weg zum eigentlichen Ziel der proletarischen Revolution – einer der schlechteren Einfälle des Manifestes, doch dazu später. Dass die Erfüllung dieser Forderungen nicht mit dem Endziel der Revolution, die sie anstacheln wollten, zu verwechseln sein sollte, haben die Autoren also deutlich zu Papier gebracht. Aber was kann man machen, wenn die Nachwelt nicht lesen, sondern sich selber loben will?

„Die wahren Vollstrecker des Kommunistischen Manifests waren jene Sozialdemokraten, welche das allgemeine Wahlrecht und damit den Staat eroberten… Die demokratischen Sozialisten – auch wenn sie sich nicht immer so nannten – unterwarfen das Eigentum dem Wohl der Allgemeinheit, die Hälfte des Sozialprodukts der Verwaltung durch den demokratischen Staat. Sie orientierten den Lohn nicht mehr an den geringsten Unterhaltskosten, sondern am Leistungsprinzip – laut Marx (1875) Kennzeichen einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, derweil im hernach angepeilten Schlaraffenland einer ‚kommunistischen Gesellschaftsordnung‘ jedem nach seinen Bedürfnissen zugeteilt werden sollte. Das gilt auf niedrigstem Niveau in Deutschland bereits für Sozialhilfeempfänger, eine Errungenschaft mit Anziehungskraft. Die Proletarier haben jedenfalls längst mehr zu verlieren als ihre Ketten, es fragt sich nur, ob es dabei bleibt. Das Sofortprogramm des Kommunistischen Manifests ist de facto, auch wenn ein neues Manchestertum gerade wieder eine Wende rückwärts probiert, beinahe verwirklicht – von der starken Progressivsteuer bis zur öffentlichen unentgeltlichen Erziehung der Kinder und der Überwindung des Gegensatzes von Stadt und Land.“ (Friedjof Meyer, Spiegel 16.3.98)

Was soll man dazu noch sagen? Hat dieser Mann, der im „Spiegel“ als Kenner der Materie, nämlich als „junger Sozialist von 1961“, vorgestellt wird, je eine Zeile in den Lohnkapiteln des ersten Bandes des „Kapital“ gelesen? Falls ja, spricht das erst recht gegen seinen Geisteszustand. Dort erklärt Marx nämlich den Leistungslohn keineswegs als einen Schritt in die richtige Richtung zur „Übergangsgesellschaft“, in der „jeder nach seiner Leistung“ über den gesamtgesellschaftlichen Reichtum verfügen können sollte, sondern als Mittel der Lohnsenkung für abhängige Lohnarbeiter, die durch die Form der Lohnzahlung von vornherein von der Verfügung über den Reichtum, den sie produzieren, ausgeschlossen sind. Drollig auch der Einfall, die deutsche Sozialhilfe – mit ihren üppigen „Körben“: 1 Kinokarte pro Monat, 1 Paar Schuhe pro Saison, 1 Schachtel Zigaretten pro Woche… – als Beginn des Prinzips „jedem nach seinen Bedürfnissen“ zu feiern – wenn auch „auf niedrigstem Niveau“, das versteht sich für einen Mann, dessen Bedürfnishorizont wohl kaum der „Anziehungskraft“ der Bedürfnisbefriedigung durch bundesdeutsche Sozialämter erliegen dürfte. Jedem das Seine eben, da kennt ein aufgeklärter Geist sich aus. Einer, der ins Schwärmen gerät bei der schönen Vorstellung einer Assoziation, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“, und der ein paar Zeilen weiter zu Papier bringt, dass er jedenfalls sich unter einem erstrebenswerten „Schlaraffenland“ – was im übrigen im Programm von Marx und Engels nie vorgesehen war – nichts anderes vorstellen kann als ein großes Sozialamt, das „jedem zuteilt“, was ihm zusteht. Dafür braucht es wirklich keine sozialistische Revolution, da hat der Mann ausnahmsweise recht.

Die virtuose Gleichsetzung „Kommunismus = Schlaraffenland = BRD-Sozialpolitik“ beherrschen auch andere originelle Kommentatoren:

„Im Manifest wird das Schlaraffenland einer Gesellschaft nach der Eroberung der politischen Herrschaft durch das Proletariat und der Enteignung der Bourgeoisie wie folgt beschrieben: Einführung einer progressiven Einkommenssteuer; Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben; Abschaffung des Erbrechtes; Zentralisation des Kredits durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol; Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staates; öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder, Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder.

Die progressive Einkommenssteuer, die Grundsteuer, die Erbschaftssteuer, die Bundesbank, die staatliche Eisenbahn, das Verbot der Kinderarbeit, die unentgeltliche Ausbildung von Kindern und Studenten: Das alles sind nun Selbstverständlichkeiten in einer Demokratie mit allgemeinem Wahlrecht. Für diese Errungenschaften, die für Marx noch eine Utopie waren, brauchte man keine kommunistische Revolution.“ (Hans Mundorf, HB 25.2.98)

Sehen wir erneut davon ab, dass diese Forderungen im Manifest keineswegs als Endziel der Revolution ausgegeben werden. Und sehen wir ab von ein paar kleinen Uminterpretationen der zitierten Forderungen durch den Schreiber des Handelsblatts – die öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder z.B. ist ein bisschen etwas anderes als die unentgeltliche Unterrichtung an öffentlichen Schulen; soweit uns bekannt ist, sind die Lasten der Aufzucht des Nachwuchses einschließlich der nicht unerheblichen Kosten, die zumindest eine „höhere“ Ausbildung bedeutet, weiterhin voll und ganz Privatsache der glücklichen Eltern; und erst recht ist die Abschaffung des Erbrechts, gelinde gesagt, ein etwas radikalerer Eingriff in die Geschäftsordnung des Privateigentum als die Erhebung einer Erbschaftssteuer; das Enteigungs-Geschrei in der Redaktion des Handelsblatts können wir uns jedenfalls lebhaft vorstellen, falls je eine Staatsgewalt die Abschaffung des Erbrechts in Erwägung ziehen würde… Aber wie gesagt: Wenn man von alledem absieht, dann können wir getrost davon ausgehen, dass Marx und Engels heute für das Handelsblatt Gastkommentare verfertigen würden.

Falls sie nicht damit beschäftigt wären, Sonntagspredigten zu verfassen. Denn zu allem Überfluss wird das Kommunistische Manifest auch noch entlarvt als

4. Eine wertvolle Schrift zur moralischen Erbauung

Die FAZ lässt einen amerikanischen Philosophen das Kommunistische Manifest zusammen mit dem Neuen Testament als „Dokumente der Hoffnung“ loben, die zur moralischen Ertüchtigung der Jugend auch heute noch enorm viel beitragen können:

„„Eltern und Lehrer sollten junge Menschen dazu ermuntern, beide Bücher zu lesen. Es wird der moralischen Haltung der jungen Leute förderlich sein. Wir sollten unsere Kinder so erziehen, dass sie es unerträglich finden, wenn wir, die wir hinter unseren Schreibtischen sitzen und auf Tastaturen herumfingern, zehnmal mehr verdienen als die Menschen, die sich beim Reinigen unserer Toiletten die Finger schmutzig machen, und hundertmal mehr als jene, die in der Dritten Welt unsere Tastaturen zusammenbauen. Wir sollten dafür sorgen, dass es ihnen Sorge und Kummer bereitet, wenn die Länder, die sich zuerst industrialisiert haben, hundertmal reicher als jene sind, die noch nicht industrialisiert sind….. Es ist heute so wahr wie 1848, dass die Reichen immer versuchen werden, reicher zu werden, indem sie die Armen ärmer machen, dass die vollständige Verwandlung der Arbeit in eine Ware zur Verelendung der Lohnempfänger führen wird und dass ‚die moderne Staatsgewalt… nur ein Ausschuss ist, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet‘…. Am besten wäre es wohl, wir fänden ein neues Dokument, das den Kindern Inspiration und Hoffnung vermittelt und dabei weder mit den Mängeln des Neuen Testaments noch denen des Kommunistischen Manifests behaftet ist. Es wäre gut, wenn wir einen reformistischen Text ohne die apokalyptische Prägung dieser beiden Bücher besäßen – einen Text, der nicht behauptet, ‚alles‘ müsse erneuert werden, Gerechtigkeit könne ‚nur erreicht werden durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung‘. Es wäre gut, wenn wir ein Dokument besäßen, das die Einzelheiten einer diesseitigen Utopie erläutert, ohne zu behaupten, dass diese Utopie mit einem Schlag in Erscheinung treten werde, sobald nur diese oder jene ‚entscheidende‘ Veränderung zustande gebracht – das Privateigentum abgeschafft oder Jesus in unser aller Herzen eingezogen sei.“ (Richard Rorty, FAZ 20.2.98)

Das haben wir gerne, erst den Kindern „Kummer und Sorge“ über das Elend der Welt bereiten; auch noch andeuten, dass das mit den „gemeinschaftlichen Geschäften der Bourgeoisklasse“ zu tun hat, bloß um dann bei der weisen Ermahnung zu landen, dass nichts fataler wäre als ein Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse, die für Kummer und Sorge allerhand Material liefern. Und was machen dann die Kinder mit all ihrem Kummer? Keine Frage: Sie werden zu sorgenvollen Moralaposteln, die – falls sie das Glück haben, einer jener raren gut dotierten Posten an einer Tastatur zu ergattern – die Restmenschheit an ihren Träumen vom diesseitigen Paradies teilhaftig werden lassen. Für jemanden, für den „das Privateigentum abschaffen“ und „Jesum in unser aller Herzen einziehen lassen“ so ungefähr dasselbe ist, ist auch die Rückverwandlung des Marxismus von der Wissenschaft zur Utopie eine der leichteren Übungen.

Wenn er das Kommunistische Manifest nicht bloß auf der Suche nach seiner menschheitsbeglückenden Inspiration abgegrast hätte, wäre der Professor aus Amerika vielleicht sogar über die Kritik gestolpert, die zwei Kommunisten bereits vor 150 Jahren an gewissen moralischen Spinnern zu Papier gebracht haben:

„Ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Missständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Es gehören hierher: Ökonomisten, Philanthropen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klasse, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter; Winkelreformer der buntscheckigsten Art. Und auch zu ganzen Systemen ist dieser Bourgeoissozialismus ausgearbeitet worden.“

Er ist eben wirklich immer wieder brandaktuell, der alte Marx…

Das meint auch der Rezensent, den „Die Zeit“ anlässlich des runden Geburtstags auf das Kommunistische Manifest angesetzt hat: Der liest eben sein spezielles „System des Bourgeoissozialismus“ aus dem Papier heraus:

„Die Geschichte rollt rückwärts. Polizisten vertreiben Bettler aus den Shopping Malls, die Rückreform zum dreigliedrigen Schulsystem wird gefordert, der Kanzler mahnt die Kirchen, sich mehr um die Schäfchenseelen als um die Gerechtigkeit der Märkte zu sorgen. Der Soziologe Ulrich Beck propagiert die Wiedereinführung von Ehrenzeichen für Gemeinwohlarbeit, und der CDU-Vordenker Klaus Haefner schlägt vor, das überflüssige Drittel der Bevölkerung statt mit Geld mit staatlich produzierten Billignaturalien (Kleidung, Essen, Wohnung) zu versorgen. Stück für Stück verschwindet eine Ordnung, in der Selbstentfaltung, Sicherheit und Gerechtigkeit an den Status des Arbeits-Bürgers geknüpft waren.“ (Mathias Greiffrath, Die Zeit 5.2.98)

Sehen wir einmal darüber hinweg, wie hier die verflossenen Zeiten des bundesdeutschen „Wirtschaftswunder-Kapitalismus“ verherrlicht werden. Halten wir fest, dass der Mann offensichtlich meint, dass die Zustände, die er nicht leiden kann und als „Rolle rückwärts“ der Geschichte interpretiert, durch die kapitalistische Gesellschaft produziert werden. Warum meint er dann ein paar Zeilen später, dass folgendes Nietzsche-Zitat die Sache auf den Punkt bringt?

„Aber Fortschritt ‚ist möglich‘, schrieb der Skeptiker Nietzsche, wenn eine ‚bewusste Kultur‘ die ‚die Erde als Ganzes ökonomisch verwalte‘ und ‚die Menschen selber sich ökumenische, die Erde umspannende Ziele stellen‘. Heute heißt das, in einer demokratischen Weltordnung ungleiche Entwicklung politisch herbeizuführen: ein mit dem Überleben der Naturbasis verträgliches, nachhaltiges Wachstum im Süden, eine ökologische Abrüstung des energie- und materialfressenden Nordens… Das Wort ‚Proletariat‘ ist heute ebenso verbraucht wie ‚Klassenkampf‘, aber in der Idee einer weltweiten Lernbewegung, nicht in einem irdischen Schlaraffenland liegt die immer noch gültige Idee des ‚Manifests‘: in der Postulierung einer Menschheit, in der jeder und jede sich als Gattungswesen denkt, fühlt und ebenso handelt.“ (a.a.O.)

So einfach ist das: Mit dem schlichten Hinweis, dass auch Wörter sich „verbrauchen“ können (durch zu häufige Benutzung?), wird auch die Sache, die sie bezeichnen, aus der Welt geschafft. Das Resultat: „Proletariat“ und „Klassenkampf“ sind out, „Lernbewegung“ und „Gattungswesen“ sind in. Was kümmert es, dass „Gattungswesen“ so ziemlich das Gegenteil ausdrückt vom dem, was mit Proletariat bestimmt war. Denn „Gattungswesen“, das meint doch wohl: „Wir“ – Unternehmer“ und „Arbeiter“, „Politiker“ und „Untertanen“ – sitzen letztlich alle in einem Boot – dem „Raumschiff Erde“ oder so- und müssen endlich, endlich die „Lernbewegung“ hin zur Ökologie machen…. Nein, so blöd war Marx nicht. Der hat zwar schon vor über 100 Jahren die Ruinierung der Umwelt – obwohl die damals noch gar nicht so hieß – kritisiert. Er hat aber immer dazugesagt, dass es die Geschäftsprinzipien der kapitalistischen Wirtschaft sind, die für das wachsende Elend der Massen und die Vergiftung ihrer natürlichen Lebensbedingungen sorgen.

*

Die Autoren des Kommunistischen Manifestes wollten nicht zu einer Sammlung von „verantwortungsbewussten Gattungswesen“ aufrufen, sondern deutlich machen, dass die kapitalistische Produktion von Reichtum zur weltweiten Verelendung der Arbeiter führt. Sie haben das für eine unerträglichen Widerspruch gehalten, der nach Auflösung schreit. Allerdings einer Auflösung, die nicht zwangsläufig erfolgt; sonst hätten sie sich die Abfassung eines Manifestes auch sparen können. Sie waren von der Notwendigkeit einer proletarischen Revolution in dem Sinn überzeugt, dass sie gemacht werden muss.

Gerade insofern ist das Kommunistische Manifest allerdings einigermaßen kritikabel.

II. Das Kommunistische Manifest – Ein Umsturzprogramm: schlecht begründet, leicht verlogen und politisch eher irreführend

1. Kapitel: „Bourgeois und Proletarier“

a) Die Charakterisierung der Bourgeoisie

Das Manifest beginnt mit einem Überblick über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die mit der kapitalistischen Produktionsweise über die Welt kommen. Die Absicht der Autoren ist deutlich: Der Klassenfeind wird bestimmt. Eine neue herrschende Klasse ist dabei, die Welt „nach ihrem Bild“ umzumodeln. Ihr Materialismus des Geldes treibt sie nicht nur zur Umwälzung aller überkommenen, sondern auch zur permanenten Revolutionierung der von ihr selbst geschaffenen Verhältnisse:

„Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus.“

Sogar die Staatsgewalt wird zum bloßen „Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.“ Und das Ganze geschieht auf Kosten der ebenso neuartigen arbeitenden Klasse: Die Lohnarbeiter sind die notwendigen Opfer einer Produktionsweise, in der die Schaffung eines gigantischen Reichtums auf der Armut derer beruht, die ihn produzieren. Ein so noch nie dagewesener Klassengegensatz ist also in der Welt: eine völlig neuartige „unverschämte“ Form von „Ausbeutung“.

Soweit die Schilderung der Sachlage. Wie kommen die Autoren des Manifests dann aber auf den Einfall, zur Erläuterung dieser Zustände einen Kurzdurchgang durch die Menschheitsgeschichte anzubieten, in dem alle richtigen Aussagen über die Bourgeoisie eingepackt werden in eine Theorie über ein angeblich immerwährendes Entwicklungsprinzip der Geschichte – von wegen: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“? Was soll die Versicherung:

„Wir sehen also, wie die moderne Bourgeoisie selbst das Produkt eines langen Entwicklungsgangs, einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise ist.“? Selbst wenn es so gewesen sein sollte, dass „Unterdrücker und Unterdrückte <…> in stetem Gegensatz zueinander <standen>, <…> einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf <führten>, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen“ – was wäre damit gewonnen für den Begriff der modernen Klassengesellschaft?

Tatsächlich passt die von Marx und Engels angebotene Einordnung der neuen Bourgeois-Herrschaft in eine allgemeine – bzw., wie Engels meint nachträglich anmerken zu müssen, „die schriftlich überlieferte“ – Geschichte der menschlichen Ausbeutung noch nicht einmal zu dem, was sie zur Sache zu sagen haben. Nicht bloß, dass bei dem beredt beschworenen Triumph der kapitalistisch produzierenden Bourgeoisie über die alten feudalen Verhältnisse von einem Aufstand der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker wahrhaftig nicht die Rede sein kann: Auch über den neuen Klassengegensatz, den das siegreiche Bürgertum eröffnet, wissen sie ganz andere Dinge mitzuteilen, als dass es sich um eine Neuauflage der alten Story von „Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer“ usw. handeln würde. Am kapitalistisch produzierten Reichtum fällt ihnen auf, dass er eine noch nie dagewesene Sorte Elend hervorbringt:

„In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; <…> und warum? Weil sie zuviel Zivilisation, zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt.“

Korrekt kennzeichnen die Autoren den kapitalistischen Aberwitz, dass produzierter Überfluss ganz unmittelbar Not hervorbringt. Sie wissen also bereits im Moment der Durchsetzung des neuen Produktionsverhältnisses, dass die weltweite Armut, die das Privateigentum notwendigerweise produziert, mit den Hungersnöten vergangener Epochen, mit dem Fehlen von Lebensmitteln absolut nichts zu tun hat. Diese Erkenntnis subsumieren sie aber unter die Behauptung, das sei letztlich schon immer so gewesen, und bringen sie auf den abstrakten Kalauer herunter:

„Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung (…) widersprechen die Produktivkräfte den Produktionsverhältnissen“.

Dieser Widerspruch hätte schon zum Untergang des Feudalismus geführt; derselbe Widerspruch wäre nun der letzte Grund für den Untergang der Bourgeoisie:

„Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den in ihnen erzeugten Reichtum zu fassen… Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst.“

An den kapitalistischen Krisen – mit Überproduktion auf der einen Seite und Hungersnöten auf der anderen – wollen die Autoren des Manifests eine geschichtliche Zwangsläufigkeit erkannt haben, nach der die Bourgeoisie mit ihrer Durchsetzung auch schon ihren Untergang betreibt.

In seiner Kritik der politischen Ökonomie liefert Marx selber die Kritik dieser Idee. Wenn er im 15. Kapitel des 3. Bandes des „Kapital“ die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Krise analysiert, ist nicht mehr die Rede davon, dass ‚die bürgerlichen Verhältnisse zu eng werden für den erzeugten Reichtum‘. Dort führt er aus, dass in Zeiten der Überakkumulation kapitalistischer Reichtum vernichtet wird, damit dann der ganze Zirkus „mit erweiterten Produktionsbedingungen, mit einem erweitern Markt und mit erhöhter Produktivkraft“ von neuem anfängt. Überakkumulation führt periodisch zur Entwertung und Vernichtung von Produktivkräften, und das ist die Bedingung für den nächsten Zyklus, für „die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung der alten“, wie es auch schon das Manifest sagt – das ist aber nicht dasselbe wie eine Krise des Kapitalismus oder gar der Anfang von dessen zwangsläufigem Ende wegen definitiver Unverträglichkeit von Produktivkräften und „bürgerlichen Eigentumsverhältnissen“.

Genau darauf jedoch: auf die Behauptung eines geschichtlich zwangsläufigen Scheiterns der Bourgeoisie an ihren eigenen Errungenschaften, legt das Manifest großen Wert – ausgerechnet das Kommunistische Manifest, das immerhin den Anstoß zu einer proletarischen Revolution geben will, also davon ausgeht, dass die Herrschaft der Kapitalistenklasse sich nicht von selbst erledigt. Die Frage also noch einmal: Wie sind die beiden Autoren, die später wirklich Besseres zu Papier gebracht haben, im Jahre 1848 darauf gekommen, dass die Revolution, zu der sie die Arbeiter anstacheln wollten, eigentlich schon ganz von selbst unterwegs und fällig wäre?

Es ging ihnen offensichtlich um eine mutmachende Rechtfertigung der damals in ganz Europa stattfindenden Arbeiterunruhen. Die kämpfenden Proletarier sollten ins Bild gesetzt werden über die eigentliche Bedeutung ihres Kampfes: Egal, ob sie es selber so sahen oder nicht, sie wurden als Vollstrecker einer historischen Notwendigkeit begrüßt. Mut konnten sie – nach der Logik des Manifestes – aus dieser geschichtlichen Einordnung deshalb schöpfen, weil ihren Arbeitskämpfen damit quasi von höherer Warte beste Erfolgsaussichten bescheinigt wurden: Der Sieg ihrer Sache könne schon deshalb nicht ausbleiben, weil der eben nicht nur im Interesse der Kämpfenden selbst läge, sondern im Einklang mit der historischen Tendenz stände, nämlich mit der – letztlich – unausweichlichen Selbstzerstörung der Bourgeoisie.

Das ist nun allerdings so ziemlich die verkehrteste Art, eine ausgenutzte Klasse zur Revolution aufzuhetzen. Entsprechend fragwürdig gerät im Fortgang des Textes:

b) Die Charakterisierung des Proletariats

„Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier.“

Diese Sorte Metaphorik veranlasst noch 150 Jahre später die vereinigten „Literaturpäpste“ aller Kulturnationen zu Lobgesängen über „Sprachgewalt“ und „großartige Prosa“. Über die schwülstige Ausdrucksweise könnte man jedoch leicht hinwegsehen, wenn die Botschaft wenigstens stimmen würde – wenn also gemeint wäre: ‚Alle Anklänge an so etwas wie ein notwendiges Scheitern der Bourgeoisie an den von ihr selbst hervorgebrachten Widersprüchen, an einen selbsttätigen „Gang der Geschichte“ hin zur proletarischen Revolution, sind rhetorische Spielerei; es kommt alles darauf an, dass die modernen Arbeiter, dieses ureigene Produkt der kapitalistischen Produktionsweise, aus ihrer hoffnungslosen Lage die richtigen Schlüsse ziehen und die Bourgeoisie besiegen, indem sie ihr die Dienste verweigern, für die diese sie braucht.‘ Genau so geht es aber nicht weiter. Der Feststellung, dass das Proletariat, die Klasse der Lohnarbeiter selber das Produkt der kapitalistisch wirtschaftenden Bourgeoisie ist, folgen zwar einige Hinweise, wie – komplementär zu den weltweiten, umwälzenden Machenschaften der Bourgeoisie – die moderne Ausbeutung und die ausgebeutete Klasse aussieht: dass die „modernen Arbeiter <…> nur so lange leben, als sie Arbeit finden, und die nur so lange finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt“; dass sie im Betrieb als „bloßes Zubehör der Maschine“ vernutzt werden; dass der Lohn, der ihnen ausgezahlt wird, nicht sie reich macht, sondern einen ganzen Haufen anderer Figuren – „Hausbesitzer, Krämer, Pfandleiher“...; usw. Dass sie damit diese elendige Klasse als Mittel der kapitalistischen Bereicherung der Bourgeoisie, als immanenten Bestandteil der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse begriffen und eingeordnet haben, ist Marx und Engels jedoch keine weitere Überlegung wert. Jedenfalls halten sie es überhaupt nicht für erforderlich – so wie später z.B. in der Kritik des Gothaer Programms der deutschen Sozialdemokratie –, das elendige Interesse, an Arbeit und Lohn nämlich, das die arbeitende Klasse an ihre Ausbeuter bindet, theoretisch und agitatorisch aufs Korn zu nehmen. Sie stellen klar, dass der Lohn noch nicht einmal ein taugliches Überlebensmittel ist; sie sehen aber weit und breit keinen Grund, die von der Bourgeoisie ‚gezeugten Männer‘ als Leute zu nehmen – geschweige denn entsprechend anzureden –, die sich in Ermangelung eines besseren Lebensmittels auf den Standpunkt des Gelderwerbs per Lohnarbeit stellen und dadurch selber zum ausgebeuteten Fußvolk des bürgerlichen Ladens machen. Dass das Proletariat ein Produkt der Bourgeoisie ist, halten sie für unmittelbar gleichbedeutend damit, dass es der geborene Kämpfer gegen die Bourgeoisie wäre:

„Das Proletariat macht verschiedene Entwicklungsstufen durch. Sein Kampf gegen die Bourgeoisie beginnt mit seiner Existenz.“

Sie können gar nicht umhin, die braven proletarischen „Männer“, sich gegen die Bourgeoisie zu erheben; ihre Zugehörigkeit zu den kapitalistischen Verhältnissen ist gleichbedeutend mit deren Kündigung. Sie sind die leibhaftige Verwirklichung des Widerspruchs, dass die Bourgeoisie sich durch die Entwicklung aller Produktivkräfte ihren eigenen Untergang bereitet: Das ist die Bedeutung, die die Autoren des Manifests ihrer Erkenntnis beilegen, dass die Bourgeoisie selber den modernen Proletarier hervorbringt. Alle Hinweise auf die Notwendigkeit des Schadens, den die arbeitende Klasse in diesem System nimmt, stehen im Dienste dieses einen Haupt- und Generalgedankens: Das Proletariat ist der Vollstrecker des sowieso unausweichlichen Untergangs der Bourgeoisie.

Marx und Engels treiben hier, anders ausgedrückt, ein unredliches Spiel mit der Kategorie der ‚geschichtlichen Notwendigkeit‘. Es gibt ja in der kapitalistischen Gesellschaft selbsttätig wirkende Sachzwänge – eben die der Ausbeutung einer lohnarbeitenden Klasse; und genau deswegen existiert kein Sachzwang, der denen ein Ende machen würde. Stattdessen gibt es eine historische Notwendigkeit der proletarischen Revolution – in dem praktischen Sinn, dass diese Klasse anders auf keinen grünen Zweig kommt: Ihre politökonomische Bestimmung, dem kapitalistischen Bürgertum als abhängiges, ausgebeutetes Werkzeug seiner Bereicherung zu dienen, kann sie nicht anders loswerden als durch die radikale Kündigung ihres Lohnarbeitsverhältnisses. Die Proletarier müssen gar nichts – sie haben bloß keine andere Chance: Um ihrer Ausbeutung zu entkommen, müssen sie die proletarische Revolution machen, die kapitalistische Produktionsweise umstürzen. Diese Notwendigkeit langt den Autoren des Manifests aber nicht; sie wollen der Alternativlosigkeit der proletarischen Existenz immer noch entnehmen, dass das ganze kapitalistische Ausbeutungswesen deswegen auch schon unausweichlich auf sein ‚natürliches‘ Ende zuläuft, gewissermaßen seine Selbstliquidierung betreibt. Auch der Satz, der emphatisch die „Waffen“ zitiert, „die die Proletarier führen werden“, redet gar nicht von Waffen, die die Arbeiter zu ergreifen hätten, sondern meint schon wieder den „Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“, den Marx und Engels den Proleten hier ideell in die Kämpferfaust drücken. Wo immer das Kommunistische Manifest auf die Lage der arbeitende Klasse zu sprechen kommt, bemüht es sich um die Erklärung einer „historischen Notwendigkeit des Klassenkampfs“ im Sinne eines Mechanismus, der die Proleten angeblich notgedrungen auf die revolutionäre Bahn drängt. Und dieser Mechanismus soll ausgerechnet das Werk des Klassenfeindes selber sein.

Nach dieser Vorgabe konstruiert das Manifest sein Bild von der ‚notwendigerweise‘ kämpfenden – und am Ende siegreichen Arbeiterklasse:

„Aber mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in größern Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie mehr… …;immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem einzelnen Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter von Kollisionen zweier Klassen an. Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen gegen die Bourgeoisie zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres Arbeitslohns. Sie stiften selbst dauernde Assoziationen, um sich für die gelegentlichen Empörungen zu verproviantieren… Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter… Es bedarf aber bloß der Verbindung, um die vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem nationalen, zu einem Klassenkampf zu zentralisieren… Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei, wird jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst. Aber sie entsteht immer wieder, stärker, fester, mächtiger.“

Die Autoren des Manifests wissen durchaus, dass die Arbeiter ihren Konkurrenzstandpunkt gegeneinander überwinden müssen, um etwas gegen die Bourgeoisie auszurichten. Ihnen ist also bekannt, dass das Kapital den Lohnarbeitern Lebensbedingungen aufherrscht, in denen sie mit ihren (Über-) Lebensinteressen gegeneinander stehen. Sie machen sich nicht einmal darüber etwas vor, dass diese Notwendigkeit die „Organisation“ der Lohnarbeiter „als Klasse“ „jeden Augenblick“ ‚sprengt‘. Den Grund dafür – offenbar stellen sich die um Lohn kämpfenden Arbeiter auf die ihnen aufgezwungenen Lebensbedingungen so ein, dass sie im Dienst am Kapital ihre Lebensperspektive sehen – wollen sie allerdings nicht zur Kenntnis nehmen; und die Mitteilung von ein paar guten Gründen, warum Proletarier ihre Konkurrenz gegeneinander aufheben und gemeinsam entschlossen Front gegen das Kapital machen sollten, erscheint ihnen vollends entbehrlich in ihrem Kommunistischen Manifest. Stattdessen verbreiten die Autoren die trostreiche Versicherung, dass die Bourgeoisie die Arbeiter immer wieder und auf immer höherer Stufenleiter in die revolutionäre Vereinigung treibt. Sie nehmen sich die Freiheit, in den Lohnkämpfen nicht die periodische Unterbrechung der Konkurrenz zu sehen, sondern eine konsequente Linie hin zur kämpfenden revolutionären Klasse, die höchstens sporadisch von Rückfällen in die Konkurrenz unterbrochen wird. Das Programm, das die angesprochenen Proletarier einsehen und in die Tat umsetzen müssten, wird im Lichte dieser Interpretation zu einem Entwicklungsprozess, für den die Machenschaften der Bourgeoisie automatisch sorgen:

„Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist“ – im ersten Teil des Kapitels rangierte diese Klasse noch als ziemlich umtriebiger revolutionärer Verein! –, „setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz“ – als wäre die eine Frage der Produktionstechnik! – „ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation“ – als müssten die Arbeiter sich zu der gar nicht selbst erst mal entschließen! „Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst weggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihre eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.“

Worum es geht, das braucht man den Proletariern im Grunde gar nicht zu erklären; ihr Kampf zielt automatisch aufs Richtige; für den Sieg über die Bourgeoisie braucht es nur noch den Zusammenschluss ihrer Opfer, und der macht sich letztlich von selbst…: Die Autoren des Manifests gehen bei ihrer Charakterisierung des Proletariats mit der größten Selbstverständlichkeit davon aus, dass alles, was ihnen an der modernen kapitalistischen Ausbeutung und an den Überlebenskämpfen der Lohnarbeiterklasse klargeworden ist, ganz umstandslos überhaupt jedermann, und den Betroffenen schon gleich, glasklar vor Augen stehen müsste. In diesem Sinne bescheinigen sie schon in den ersten Abschnitten ihrer Schrift, über die weltumstürzenden Leistungen der Bourgeoisie, deren Ausbeutungsmethoden den Vorteil absoluter Unmissverständlichkeit: Niemand, der sich nur umschaut in der Gesellschaft, soll sich noch Illusionen machen können über die Hauptfront zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten.

„Sie (die Bourgeoisie) hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt… Alles Ständische uns Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Da werden der bürgerlichen Gesellschaft auf dem Felde der Bewusstseinsbildung Wirkungen zugeschrieben, die einfach nicht stimmen: Ausgerechnet im Kapitalismus, im Verhältnis von Fabrikherr und freiem Lohnarbeiter, oder modern: von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, soll die Ausbeutung nackt und gnadenlos jedem vor Augen stehen! Es mag ja stimmen, dass die Bourgeoisie die ganze Welt ihrem Materialismus des Geldes unterwirft und den ganzen Rest der Gesellschaft in den Status bezahlter Lohndiener versetzt. Aber dass es deshalb kein falsches Bewusstsein mehr gäbe und keine Ideologien über dieses Produktionsverhältnis mitsamt seiner „Leistungsgesellschaft“ und seiner „freien Marktwirtschaft“, das kann ja wohl nicht wahr sein. Eben dies behauptet aber ausgerechnet der Mann, der später den Warenfetisch erklärt hat und im entsprechenden Kapitel des 1. Bandes des „Kapital“ folgendes ausführt:

„Versetzen wir uns … in das finstre europäische Mittelalter… Die Naturalform der Arbeit, ihre Besonderheit, ist hier ihre unmittelbare gesellschaftliche Form. Die Fronarbeit ist ebensogut durch die Zeit gemessen wie die Waren produzierende Arbeit, aber jeder Leibeigne weiß, dass es ein bestimmtes Quantum seiner persönlichen Arbeitskraft ist, die er im Dienst seines Herrn verausgabt. Der dem Pfaffen zu leistende Zehnten ist klarer als der Segen des Pfaffen. Wie man daher immer die Charaktermasken beurteilen mag, worin sich die Menschen hier gegenübertreten, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten erscheinen jedenfalls als ihre eignen persönlichen Verhältnisse und sind nicht verkleidet in gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen, der Arbeitsprodukte… Jene alten gesellschaftlichen Produktionsorganismen sind außerordentlich viel einfacher und durchsichtiger als der bürgerliche…“ (MEW 23, S. 91ff)

Der „alte“ Marx war also schlauer als der „junge“ – aber der war schließlich auch nicht der Dümmste. Wie kam der also darauf zu behaupten, mit dem Sieg der Bourgeoisie läge „die offene, dürre Ausbeutung“ jedermann so klar vor Augen wie ihm selbst? Offenbar war ihm und seinem Genossen Engels an den erbitterten Arbeiterkämpfen klargeworden, dass das Proletariat schlechterdings nicht überleben konnte, ohne dass es sich gegen die Bourgeoisie zur Wehr setzte. Mit seiner Gegenwehr reagierte die gerade entstehende Lohnarbeiterklasse auf Lebensumstände, die auch glühende Anhänger unserer modernen „sozialen Marktwirtschaft“ als „Manchesterkapitalismus“ verdammen. Dass die unumschränkte Herrschaft des Privateigentums den Arbeitern keine Überlebenschance lässt, ihr Kampf gegen die Bourgeoisie also eine Überlebensbedingung für sie ist, war folglich nicht zu übersehen. Daraus haben Marx und Engels den verkehrten Umkehrschluss gezogen, dass das Überleben der Proletarier als Klasse, im Grunde also die Klassengesellschaft selber mit den Interessen der herrschenden Klasse, also mit deren Klassenherrschaft unvereinbar wäre:

„Sie (die Bourgeoisie) ist unfähig zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muss, statt von ihm ernährt zu werden.“

Jeder Arbeiterkampf, jeder Erfolg im Kampf um die Erhaltung des Proletariats kann daher nur ein weiterer Schritt sein hin zur Abschaffung der Bourgeoisie:

„Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne dass der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.“

Für welches Kampfziel sich das Proletariat „erhebt“, erscheint den Autoren des Manifests hier völlig unerheblich – obwohl einzig und allein davon abhängt, ob mit einem solchen Aufstand die ganze „offizielle Gesellschaft <…> in die Luft gesprengt“ oder genau umgekehrt die Einrichtung der Proletarier im Lohnarbeitsverhältnis befördert wird. Sie malen ein eher mechanisches Bild von einer Revolution, bei der das ‚Aufbäumen‘ der ‚unteren‘, quantitativ starken ‚Schicht‘ die darüberliegenden dünneren ‚Schichten‘ zwangsläufig wegsprengen muss:

„Indem wir die allgemeinsten Phasen der Entwicklung des Proletariats zeichneten, verfolgten wir den mehr oder minder versteckten Bürgerkrieg innerhalb der bestehenden Gesellschaft bis zu dem Punkt, wo er in eine offene Revolution ausbricht und durch den gewaltsamen Sturz der Bourgeoisie das Proletariat seine Herrschaft begründet.“

So propagiert das Manifest die revolutionär-erwartungsvolle Lesart eines sehr modernen selbstzufrieden-konterrevolutionären Fehlers: Die Schaffung und Erhaltung einer brauchbaren Arbeiterklasse wäre dasselbe wie ihre Abschaffung. Bürgerliche Ideologen heute wollen weit und breit kein Proletariat mehr entdecken können, weil es schließlich eine durchaus lebensfähige Arbeiterschaft gibt – sogar Sozialhilfe für diejenigen, die „vom Kapital ernährt werden“ müssen, weil das Kapital sie für seine Vermehrung nicht braucht; und nirgendwo herrscht mehr der „Manchesterkapitalismus“, jedenfalls nicht in den kapitalistischen Metropolen oder zumindest in deren netteren Vierteln… Umgekehrt hielten es die Autoren des Kommunistischen Manifests für ausgeschlossen, dass das Kapital sich glatt zur Respektierung seiner eigenen allerwichtigsten Erfolgsbedingung, nämlich zur Erhaltung einer funktionsfähigen Arbeiterklasse zwingen lässt – indem es nämlich mit sozialstaatlicher Ordnungsgewalt dem Proletariat ein funktionelles Überleben mit dem gezahlten Lohn aufzwingt: Selbsterkämpftes Überleben, so meinten sie, müsste doch zusammenfallen mit dem Sieg der Arbeiterklasse über ihre Ausbeuter…

An dieser Stelle ist es unumgänglich, eine Fehlanzeige zu erstatten und den ansonsten weiterhin geschätzten Genossen Marx und Engels nicht bloß einen Fehlschluss vorzuwerfen, sondern einen regelrechten „Blackout“: Denselben Autoren, die selber dauernd praktisch mit der Staatsgewalt und ihren Machenschaften konfrontiert waren und die außerdem auch staatstheoretisch voll auf der Höhe waren – in den Auseinandersetzungen mit Hegel und Bruno Bauer z.B. richtig und klar zwischen „Citoyen“ und „Bourgeois“ zu unterscheiden wussten –: ausgerechnet denen fällt ausgerechnet im Kommunistischen Manifest zur politischen Herrschaft der Bourgeoisie nichts Gescheites ein. Sie erwähnen durchaus, dass die moderne bürgerliche Staatsgewalt nichts anderes ist als ein „Ausschuss“, der die gemeinschaftlichen Angelegenheiten der ganzen herrschenden Klasse im Griff hat. Darüber jedoch, was dieser Ausschuss alles leistet, gerade im Unterschied zum bornierten bourgeoisen Klasseninteresse an privater Bereicherung; worin die erwähnten „gemeinschaftlichen Geschäfte“ der herrschenden Klasse als solcher überhaupt bestehen; warum es für deren Verwaltung flächendeckende Gewalt braucht; welchen Dienst die öffentliche Gewalt für die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Herrschaftssystems erbringt: über alles das schweigen sie sich aus – so dass ihnen heute jeder dahergelaufene Sozialstaatsapostel triumphierend entgegenhalten kann, mittlerweile wäre alles bestens im Interesse der Arbeiter geregelt. Was ihnen dann doch zur politischen Herrschaft der Bourgeoisie einfällt, ist ausgerechnet der eine Punkt, an dem sie wieder die Kurve zu ihrer Theorie vom selbstverursachten Untergang der bürgerlichen Klassenherrschaft kriegen: Die Bourgeoisie bräuchte – und brauchte seinerzeit ja tatsächlich – die Unterstützung des Proletariats für ihren Kampf um die Staatsgewalt gegen die alten feudalen Herrschaftsverhältnisse sowie um die Interessen des neuen bürgerlichen Gemeinwesens; deswegen müsste sie ihm allerhand „Bildungselemente“ zuführen, die den Proletariern dann für ihren Klassenkampf unweigerlich zugute kämen. Die Tatsache, dass die Bourgeoisie diese Unterstützung auch tatsächlich bekam, und zwar ohne dass es anschließend gleich ihrer Herrschaft an den Kragen gegangen wäre, erschüttert die Manifest-Verfasser kein bisschen. Sie werden nicht irre in ihrer Einschätzung, dass die revolutionäre Sache damit im Prinzip schon ganz gut vorangebracht wäre. Im Gegenteil! Der fatale Umstand, dass das Proletariat sich für seine neuen bürgerlichen Herren auch noch geschlagen hat – und das nicht zu knapp! –, wird glatt in das Generalurteil integriert: Die Bourgeoisie arbeitet an ihrem Untergang.

„Die Kollisionen der alten Gesellschaft überhaupt fördern mannigfach den Entwicklungsgang des Proletariats. Die Bourgeoisie befindet sich in fortwährendem Kampfe: anfangs gegen die Aristokratie; später gegen Teile der Bourgeoisie selbst, deren Interessen mit dem Fortschritt der Industrie in Widerspruch geraten; stets gegen die Bourgeoisie aller auswärtigen Länder. In allen diesen Kämpfen sieht sie sich genötigt, an das Proletariat zu appellieren, seine Hülfe in Anspruch zu nehmen und es so in die politische Bewegung hineinzureißen. Sie selbst führt dem Proletariat ihre eigenen Bildungselemente, d.h. Waffen gegen sich selbst, zu.“

Proleten lassen sich von der Bourgeoisie gegen den Adel einsetzen; sie treten als „Bündnisgenossen“ gegen die Bourgeoisie „auswärtiger Länder“ an – aber die Autoren des Kommunistischen Manifests beschleicht kein mulmiges Gefühl. Den politischen Dienst der Proletariats am Staats der Bourgeoisie begrüßen sie noch wie eine ‚List der Vernunft‘ zur Stärkung des Proletariats durch dessen Klassenfeind. Und nicht einmal der kleine Nebenwiderspruch fällt ihnen auf, dass ihre Aussagen über das schlechterdings nicht vorhandene Interesse der Bourgeoisie an einer Ernährung des Proletariats nicht die ganze Wahrheit sein können oder zumindest der Modifizierung bedürfen, wenn es auf die lohnarbeitenden Massen nicht bloß als Produktions- und Kostenfaktor, sondern auch als dienstbares Staatsvolk ankommt: Die Bourgeoisie hat zwar kein übermäßiges Interesse an der Ernährung des Proletariats; insofern sie die Proleten aber braucht, sorgt sie unter dem übergeordneten Gesichtspunkt der nationalen Selbsterhaltung für ihr Fußvolk…

Es ist also nicht einmal bloß so, dass dem Manifest eine gescheite Staatstheorie fehlt. Es ist schlimmer: Marx und Engels wissen um die Funktionalisierung der Proletarier für die politische Herrschaft der Bourgeoisie – und wollen davon nichts anderes wissen als den erhofften und nicht eingetretenen positiven Effekt: Dadurch würde die revolutionäre Klasse nur immer noch größer und mächtiger…

Von diesen Fehlern kommen Marx und Engels in ihrem Manifest nicht mehr herunter.

2. Kapitel: „Proletarier und Kommunisten“

Wenn es nun so steht um die Gesellschaft, den Klassenkampf und das Proletariat: was wollen dann die Kommunisten? Die Antwort des Manifests ist eigenartig: Sie wollen erstens angeblich nichts anderes als alle anderen Arbeiterparteien! Träfe das wirklich zu, dann bräuchten sie erst gar keine eigene Partei aufzumachen. Wie nötig sie das aber finden und warum, dass es also mit der behaupteten prinzipiellen Übereinstimmung mit der restlichen Arbeiterbewegung nicht weit her ist, das stellen Marx und Engels selber nachdrücklich klar, wenn sie im 3. Kapitel des Manifests die führenden Köpfe der anderen, damals mehr oder weniger verbreiteten, sozialistischen Richtungen kritisieren.

Noch fragwürdiger ist die zweite Versicherung:

„Sie (die Kommunisten) haben keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine besonderen Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wollen.“

Da schreiben die führenden Theoretiker des Kommunismus ein Manifest, meinen also, sie hätten den Arbeitern etwas mitzuteilen, was die beherzigen sollten, und dementieren als erstes jede sachliche Differenz zwischen sich und den angesprochenen Massen. Nur einen Unterschied wollen sie gelten lassen: Dass Kommunisten „stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten“ und überhaupt „die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung“ vor dem Rest der Mannschaft voraus haben. Was soll das: Die einen kämpfen mehr oder weniger begriffslos vor sich hin, die anderen wissen, wo’s lang geht – aber die Hauptsache ist, dass man sich im Prinzip nicht unterscheidet?! Wenn es die Kommunisten braucht, um das „Interesse der Gesamtbewegung“ zu vertreten, dann kann von einer „Gesamtbewegung“ kaum die Rede sein, und deren „Interesse“ existiert schon gar nicht – außer in den Köpfen der Kommunisten: als deren Programm, das sie den Lohnarbeitern nahezubringen gedenken. Was es auf Seiten der kämpfenden Arbeiter gibt, das sind offenkundig einstweilen bloß partikulare Interessen, die noch lange keine revolutionäre „Gesamtbewegung“ ergeben. Mit ihrer Konstruktion eines darüberstehenden Gesamtinteresses, über das die Kommunisten als der „praktisch entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien“ wachen, geben Marx und Engels das einerseits auch zu, dass in den damaligen Arbeitskämpfen durchaus andere Interessen verfochten wurden als das an einer proletarischen Revolution in ihrem Sinne. Genau diese Differenz zwischen ihrem Standpunkt und den Zielen, für die Lohnarbeiter eintreten, wenn sie „einfach nur“ um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen als Lohnarbeiter streiten, leugnen sie andererseits. Sie übersehen großzügig den Konkurrenzstandpunkt der Lohnarbeiter, den sie in den partikularen Interessenskämpfen vorfinden, und behaupten glatt, dass sich diese wie ein Teil(kampf) zum großen Kampf ums Ganze verhalten. Dabei drücken sie selber aus, dass, wenn einzig die Kommunisten „die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung“ haben, der Rest der Mannschaft dann wohl aktuell andere Kampfziele verfolgt als die kommunistischen Revolutionäre. Mit ihrem zweifelhaften Lob der kämpfenden Arbeiter – dass die zwar keine Ahnung haben, aber irgendwie schon auf dem richtigen Dampfer sind – unterstellen sie einen Gegensatz zwischen ihrem Programm und dem, was Wille und Bewusstsein des Proletariats ist, und erklären ihn gleichzeitig für unerheblich.

Im 4. Kapitel des Manifests, das im einzelnen die „Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien“ in diversen Ländern angibt, bringen die Autoren diesen Fehler folgendermaßen noch einmal auf den Punkt:

„Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände. In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie auch angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor.“

Wenn man die „Eigentumsfrage“ ständig hervorheben muss, weil die in den diversen oppositionellen Bewegungen offenbar mehr oder weniger „minder entwickelt“ ist, dann sollte man besser gleich zur Kenntnis nehmen, dass diese Bewegungen von anderen „Grundfragen“ umgetrieben werden als von der der Abschaffung des Privateigentums. Dann ist es allerdings auch ein ziemlicher Unfug, so zu tun, als müssten Kommunisten bloß immerzu alle Oppositionellen, egal wofür die gerade kämpfen, nur daran erinnern, dass es ihnen doch – letztlich – auch um die Eigentumsfrage ginge.

Wie kommen Kommunisten auf soviel wohlwollende Selbstverleugnung? Offenbar haben Marx und Engels damals jede Menge Arbeiterkämpfe registriert, deren unmittelbare Ziele sie nicht teilten, die sie aber auch nicht kritisieren wollten. Stattdessen haben sie sie unter der Abstraktion „Klassenkampf“ begrüßt und den Proletariern das beruhigende Angebot unterbreitet, dass die Kommunisten schon immer den richtigen Überblick darüber behalten, wo das kämpfende Proletariat hin muss und will. Statt auf Agitation und Kritik haben sie sich auf eine Art Vertrauenswerbung verlegt: Kommunisten vertrauen dem Proletariat, dass es ganz von selbst schon richtig liegt – umgekehrt kann sich das Proletariat auf die Kommunisten als „Wegweiser“ verlassen. Insgesamt erfüllt diese Leugnung der Differenz zwischen Kommunisten und Proleten den Tatbestand der Heuchelei – und ausgerechnet mit einer solchen Anwanzerei an die Adressaten, denen sie auch noch selber bescheinigen, dass sie von den Zielen der Revolution keine Ahnung haben, meinen die Autoren des Kommunistischen Manifests die Arbeiter für einen revolutionären Umsturz begeistern zu können!

Die Stellung, die Marx und Engels hier zum Proletariat einnehmen, lässt erkennen, aus welcher „Denkschule“ sich die beiden gerade verabschieden. Offensichtlich haben sie nicht bloß als gute Kommunisten den Klassenkampf der Proletarier gegen ihre Ausbeutung als praktische Notwendigkeit für ein anständiges Leben erkannt, sondern als Idealisten eines fälligen Menschheitsfortschritts in die tatsächlich stattfindenden Kämpfe eine tiefere Bedeutung hineininterpretiert. Nur jemand, der „von der Utopie zur Wissenschaft“ unterwegs ist, hält dann auch folgende Überlegung für mitteilenswert:

„Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfs, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“

Wer so den Materialismus seiner Ideen beteuert, der erinnert sehr an all die bescheidenen Intellektuellen, die mit ihren Ideen immer nur Ausdruck der Realität sein wollen – und dabei stillschweigend unterstellen, dass „die Realität“ nichts anderes ist als der Ausdruck ihrer Idee. So reden Geschichtsteleologen auf der Suche nach einem real existierenden Vollzugsorgan für ihre Idee – oder etwas freundlicher ausgedrückt: So redet jemand, der sich gerade über „Das Elend der Philosophie“ zur wissenschaftlichen Ökonomie vorarbeitet. Eine kommunistische Diagnose, die ihre Urteile nicht aus philosophischen Ideen, sondern aus der Analyse der gesellschaftlichen Realität bezieht, muss sich jedenfalls nicht ihrer Realitätsnähe versichern – schon gar nicht mit dem dummen methodischen „Argument“, „die Realität“ selbst wäre schon auf diese Analyse verfallen. Die Empfehlung an die Lohnarbeiter, sie sollten das Lohnsystem umstürzen, weil sie mit ihren materiellen Interessen sonst ohnehin keine Chance haben, gewinnt nichts durch die Behauptung, sie wäre bloß „Ausdruck von…“ einer Umsturzbewegung, die sich in der Gesellschaft ohnehin ereignet – und erst recht nichts mit der Feststellung, dass auch schon in früheren Epochen der Geschichte gesellschaftliche Verhältnisse umgestürzt wurden und insofern „die Abschaffung bisheriger Eigentumsverhältnisse nichts den Kommunismus eigentümlich Bezeichnendes“ sei. Im Kommunistischen Manifest haben Marx und Engels diese Mitteilung aber für eminent wichtig gehalten: Sie hielten es für eine entscheidende Botschaft, dass Kommunisten sich grundsätzlich von philosophischen Spinnern unterscheiden, die meinen, dass Ideen die Welt verändern; als wäre ihre methodische Einsicht, dass „die Philosophie vom Kopf auf die Füße gestellt“ gehört, eine Botschaft, auf die das kämpfende Proletariat gerade noch gewartet hat. Es spricht für Marx und Engels, dass sie sich von der Philosophie, also auch von diesem Standpunkt tatsächlich verabschiedet und statt dessen der Kritik der politischen Ökonomie – und der falschen Kampfziele der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gewidmet haben.

Nachdem die weltgeschichtliche Bedeutung der laufenden Arbeiterkämpfe insoweit geklärt ist, beschäftigen sich die Autoren mit der Zurückweisung ungerechtfertigter Vorwürfe gegen die Kommunisten. Dabei ist nicht zu verkennen, dass sie sich hier mit Einwänden auseinandersetzen, die nicht nur von der Bourgeoisie erhoben wurden, die sie direkt polemisch anreden. Ihre Antworten auf die gängigen antikommunistischen Anklagen sind im Grunde Punkt für Punkt lauter weitere Eingeständnisse, wie wenig von einer Übereinstimmung der Kommunisten mit den Anliegen der kämpfenden Proleten tatsächlich die Rede sein konnte – und genauso viele verkehrte Dementis.

Zum Eigentum fällt ihnen ein:

„Was den Kommunismus auszeichnet, ist nicht die Abschaffung des Eigentums überhaupt, sondern die Abschaffung des bürgerlichen Eigentums… Wenn also das Kapital in gemeinschaftliches, allen Mitgliedern der Gesellschaft angehöriges Eigentum verwandelt wird, so verwandelt sich nicht persönliches Eigentum in gesellschaftliches. Nur der gesellschaftliche Charakter des Eigentums verwandelt sich. Er verliert seinen Klassencharakter.“

Diese Unterscheidung zwischen Eigentum überhaupt und seinem gesellschaftlichen Charakter stellt Marxisten vor Rätsel. Denn das, was Eigentum ausmacht: das ausschließende Verfügen über gegenständlichen Reichtum, das nur dank staatlicher Verfügung allgemein Gültigkeit hat und die Basis des kapitalistischen Produktionsverhältnisses ist – das können die Autoren unmöglich im Sinn gehabt haben, wenn sie zwischen quasi immerwährendem Eigentum und einer davon getrennt existierenden gesellschaftlichen Form des Eigentums unterschieden haben wollen. Vermutlich haben sie eher an die Einfälle Hegels gedacht: an ‚den Willen, der sich in der Arbeit eine äußere Wirklichkeit geben muss‘, und ähnliche Erkenntnisse aus der sinnstiftenden Ideenwelt der Philosophie.) Offenbar haben Marx und Engels bei der Abfassung des Kommunistischen Manifests ihren Hegel noch nicht so ganz „vom Kopf auf die Füße gestellt“…

Sonst wäre ihnen auch zur Figur des Kapitalisten nicht ausgerechnet die folgende Antithese eingefallen:

„Kapitalist sein, heißt nicht nur eine rein persönliche, sondern eine gesellschaftliche Stellung in der Produktion einnehmen. Das Kapital ist ein gemeinschaftliches Produkt und kann nur durch eine gemeinsame Tätigkeit vieler Mitglieder, ja in letzter Instanz nur durch die gemeinsame Tätigkeit aller Mitglieder der Gesellschaft in Bewegung gesetzt werden. Das Kapital ist also keine persönliche, es ist eine gesellschaftliche Macht.“

Die Entdeckung, dass das kapitalistische Eigentum ein „gemeinschaftliches Produkt“ und als Produktionsmittel Teil eines gesellschaftlichen Produktionsprozesses ist, mag ja taugen, um die Idee vom der Persönlichkeit, die sich in ihrem Eigentum verwirklicht, zu entzaubern und ihre Anwendung auf den Kapitalisten zu blamieren. Aus dem Befund folgt aber gerade nicht, dass die Proletarier bloß noch die Kapitalisten zu verjagen bräuchten, so ungefähr wie einen überflüssigen Zusatz zur längst realisierten gesamtgesellschaftlichen Arbeitsteilung, und schon würde sich die ‚wahre‘ gesellschaftlichen Natur des Kapitals zeigen und gegen ihre ‚Verfremdung‘ durch den Schein eines persönlichen Verhältnisses zwischen Kapitalist und Produktion durchsetzen. Die „gesellschaftliche Stellung“ des Kapitalisten „in der Produktion“ besteht vielmehr gerade darin, dass er ganz persönlich, mit der Gewalt des rechtlich geschützten Eigentums, über sie verfügt. Die Tatsache, dass „gemeinschaftlich“ produziert wird, steht nicht in einem – entlarvenden – Gegensatz zur Privatheit des Kapitals; dessen Privatmacht ist vielmehr das Gesellschaftliche an der ganzen Produktionsweise. Und deswegen hat der Kommunismus auch nicht bloß eine Modifikation des „gesellschaftlichen Charakters des Eigentums“ im Sinn, wenn er, wie im Manifest durchaus angekündigt, die „Aufhebung des Privateigentums“ verlangt: Es geht schon gegen das Eigentum selbst, weil das nämlich nicht den einen oder anderen „gesellschaftlichen Charakter“ hat, sondern den „Charakter“ der gesamten Gesellschaft, nämlich ihrer Produktionsweise begründet.

Von ihrer fragwürdigen Theorie des Eigentums gelangen die Autoren bruchlos zu einer schlechten Lohntheorie:

„Der Durchschnittspreis der Lohnarbeit ist das Minimum des Arbeitslohns, d.h. die Summe der Lebensmittel, die notwendig sind, um den Arbeiter als Arbeiter am Leben zu erhalten. Was also der Lohnarbeiter durch seine Tätigkeit sich aneignet, reicht bloß dazu hin, um sein nacktes Leben wieder zu erzeugen. Wir wollen diese persönliche Aneignung der Arbeitsprodukte zur Wiedererzeugung des unmittelbaren Lebens keineswegs abschaffen, eine Aneignung, die keinen Reinertrag übriglässt, der Macht über fremde Arbeit geben könnte. Wir wollen nur den elenden Charakter dieser Aneignung aufheben, worin der Arbeiter nur lebt, um das Kapital zu vermehren, nur so weit lebt, wie es das Interesse der herrschenden Klasse erheischt… Der Kommunismus nimmt keinem die Macht, sich gesellschaftliche Produkte anzueignen, er nimmt nur die Macht, sich durch Aneignung fremde Arbeit zu unterjochen.“

Das klingt ein bisschen wie ein Trost: Die Kommunisten wollen den Arbeitern ganz bestimmt nichts wegnehmen! Und dafür wird eine Lohntheorie der beschränkten Aneignung bemüht.) Die Autoren hätten sich da besser einmal klar entschieden: Ist der Lohn Aneignung des Notwendigen, was Kommunisten den Arbeitern auch nicht nehmen wollen; – oder bedeutet Lohnarbeit, dass der „Arbeiter nur lebt, um das Kapital zu vermehren“ und „nur so weit lebt, wie es das Interesse der herrschenden Klasse erheischt“? Wenn letzteres, dann ist der Lohn nur in einem sehr zynischen Sinn das Lebensmittel der Arbeiter, nämlich überhaupt nicht ihr Mittel; dann ist er vielmehr vor allem andern Mittel des Kapitals – und man kann dem Arbeiter in einem Kommunistischen Manifest getrost die Botschaft zumuten: Den Lohn schaffen Kommunisten übrigens ab.

Irgendwie steht das ja auch da; „dass es keine Lohnarbeit mehr gibt, sobald es kein Kapital mehr gibt“, bezeichnet das Manifest als „Tautologie“. Aber dass der Lohn nicht in den bleibenden Normalfall einer ‚Aneignung des Lebensnotwendigen‘ durch den Arbeiter und einen „elenden Charakter dieser Aneignung“, nämlich die von der Bourgeoisie gesetzten Bedingungen des Lohn-Erwerbs, zerfällt, das hat Marx erst später in seiner „Kritik der politischen Ökonomie“ gescheit erklärt. Der Lohn ist ein Teil des Kapitals – „variables Kapital“ –; auf Seiten der Arbeiter setzt er Eigentumslosigkeit voraus und reproduziert sie. Vom Arbeitsprodukt eignet sich der Lohnarbeiter nämlich überhaupt nichts an; es gehört ihm schlechterdings nichts von den Produkten, die er herstellt. Sämtliche „Nurs“ sind daher verkehrt, die so schön beschwichtigend im Text des Manifests bemüht werden: Mit der Abschaffung des Kapitals ist nicht „nur“ eine „elende“ Form der Aneignung von Arbeitsprodukten durch eine bessere ersetzt, sondern eine Sorte Arbeit abgeschafft, die von vornherein nichts als kapitalistisches Privateigentum produziert – also die Lohnarbeit selber. Und deswegen stimmt es auch nicht, dass „der Kommunismus … keinem die Macht (nimmt), sich gesellschaftliche Produkte anzueignen,“ sondern „nur die Macht, sich durch diese Aneignung fremde Arbeit zu unterjochen“: „Das Gesellschaftliche“ an den Produkten des Kapitals ist gerade, dass sie überhaupt nicht jedermann zur Aneignung zur Verfügung stehen, sondern von vornherein kapitalistisches Privateigentum sind; Produktion durch Lohnarbeiter und Aneignung durchs Kapital sind ein und dasselbe; die „Macht, sich fremde Arbeit zu unterjochen“, kommt daher nicht zu einer ‚normalen‘ Art der Güteraneignung hinzu, sondern ist der ganze ökonomische Inhalt des gesamten Aneignungsprozesses, Ausgangs- und Endpunkt aller Güterproduktion. Die Beseitigung dieser Macht ist also erst recht kein „Nur“, und sie lässt auch keine herkömmliche Art der ‚persönlichen‘ Aneignung ‚gesellschaftlicher Produkte‘ bestehen – eher schafft der Kommunismus erstmals ein solches Verhältnis…

Die Bemerkungen des Manifests zu Persönlichkeit und Freiheit sind ebenfalls keine Glanzleistungen der marxistischen Theorie. Wir erfahren, dass Kommunisten angeblich nichts gegen diese hohen Güter an sich haben, sondern nur die „Aufhebung der „Bourgeois-Persönlichkeit, -Selbstständigkeit und -Freiheit“ im Auge haben. Dass nicht bloß der Bourgeois auf dem Tauschwert steht, sondern die bürgerliche Freiheit überhaupt keinen anderen Inhalt hat als die bedingungslose Anerkennung des Tauschwerts, also die Verpflichtung der „Persönlichkeit“ aufs Eigentum als einziges Lebensmittel, das war den Verfassern des Manifests offensichtlich noch nicht ganz klar. Im 2. Kapitel des 1. Bandes des „Kapital“ steht es dann um so eindeutiger: Die Person ist nichts anderes als der „Hüter der Waren“, der Sachwalter der Preisform; die wechselseitige Anerkennung der Personen als Privateigentümer ist durch das ökonomische Verhältnis gegeben, das ihnen durch den Warencharakter des Reichtums quasi dinglich vorgegeben ist:

„Die Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten von Ware, daher als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, dass die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikation der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.“

Das ist sie, die Persönlichkeit, wie sie leibt und lebt in der bürgerlichen Gesellschaft: Als Personifikation der Preisform treten deren Mitglieder allemal gegeneinander an. Jeder steht unter der Prämisse, dass er nur für sich selber da ist, mit seinen Mitteln eben versucht, das beste aus sich und seinem Leben zu machen. Jeder, auch der Proletarier, steht nur in einer Warenbeziehung zum Rest der Gesellschaft – auch zum Unternehmer, der ihn beschäftigt. Moderne Persönlichkeiten sind so durch und durch Repräsentanten der Preisform, dass sie diese in jeder Lebenslage gegeneinander in Anschlag bringen: Alles – bis zum Liebesleben – wird zur Frage der Anerkennung und der Begutachtung der anderen geschätzten Persönlichkeit – nach dem Muster: „Was kriege ich von dir für das, was ich (in dich) investiere?“ So gehen die selbstbewussten Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft miteinander um, ohne auch nur im mindesten ein Bewußtsein davon zu haben, dass sie nichts anderes sind als „Charaktermasken der ökonomischen Verhältnisse“. Auch Lohnarbeiter gehen nicht in die Fabrik, um dem Kapital zu dienen, sondern um für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Die arbeitende Klasse existiert also im Kapitalismus als lauter freie, nur an sich selbst denkende Persönlichkeiten. Deswegen schafft der Kommunismus eben nicht nur die „Bourgeois-Persönlichkeit“, sondern auch die proletarische Persönlichkeit ab, weil es sich bei sämtlichen werten Personen der bürgerlichen Gesellschaft um nichts anderes als „Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse“ handelt.

Zur Familie: Es mag ja einmal ganz nett sein, der Bourgeoisie, die sich als Bewahrer und Retter des Familienlebens aufführt, ihre Heuchelei in puncto ehelicher Treue und Moral um die Ohren zu hauen. Die Grenze dieser Sorte Polemik wird deutlich, wenn nicht mehr ganz klar ist, ob nicht derjenige, der den Heuchelei-Vorwurf erhebt, selber für die Ideale Partei ergreift, die die „Heuchler“ immerzu mit Füßen treten. Es mag ja erfrischend sein, wenn sich das Kommunistische Manifest für eine offene, offenherzige Vielweiberei ausspricht. Nicht in Ordnung dagegen geht es, wenn das nach dem Muster dargestellt wird: Wir Kommunisten vollenden doch letztlich „nur“ ein Zerstörungswerk von Sitte und Anstand, das die Bourgeoisie schon selbst längst – wenn auch nur im Geheimen – begonnen hat. Am Ende kommt es noch so heraus, als wäre ausgerechnet der bürgerliche Kopf mit seiner moralisch verleugneten Unmoral Vorbild und Vorreiter der kommunistischen Kritik des Familienlebens.

Besonders fatal wird dieses Argumentationsmuster bei der polemischen Behandlung des Vorwurfs, „Kommunisten wollten das Vaterland, die Nationalität abschaffen“. Man könnte ja auch einfach sagen: Genau, das wollen wir, und gute Gründe dafür haben wir auch… Stattdessen bemüht sich das Kommunistische Manifest auch hier um den Nachweis, dass die Bourgeoisie selber schon – ausgerechnet! – am Verschwinden der Nationen arbeitet:

„Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse. Die Herrschaft des Proletariats wird sie noch mehr verschwinden machen.“

Die weltweite Gleichmacherei der Lebensverhältnisse durch das Kapital ist eine Sache; was die „nationalen Absonderungen der Völker“ betrifft, haben Marx und Engels schon recht. Eine ganz andere Sache sind aber die „Gegensätze der Völker“: Die verschwinden überhaupt nicht „mit der Entwicklung der Bourgeoisie“; die bekommen überhaupt erst einen soliden Grund durch die wachsende Konkurrenz der nationalen Staatsgewalten, deren Reichtum auf ihrer jeweiligen kapitalistischen Nationalökonomie beruht. Das wird sogar ein paar Zeilen weiter im Manifest selber angedeutet:

„In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch die andere aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.“

Wenn schon die Aufhebung des Klassengegensatzes in Innern – also immerhin nichts geringeres als eine Revolution – nötig ist, damit die Feindseligkeiten zwischen den Nationen aufhören, dann ist damit immerhin angedeutet, dass die moderne Nation die Art und Weise ist, wie die Bourgeoisie politisch regiert, und dass diese Sorte Herrschaft lauter Gründe für Streit zwischen den Nationen enthält. Dann sollte man aber besser nicht behaupten, dass die Kommunisten auch in dieser Frage „nur“ eine historische Tendenz vollenden wollten, die die Bourgeoisie schon eingeleitet hat.

Schließlich die Sache mit den „ewigen Wahrheiten, wie Freiheit, Gerechtigkeit usw.“, deren Untergrabung den Kommunisten angelastet wird. Es ist schon ein überaus matter Konter gegen diesen Vorwurf zu beteuern, dass neue Herrschaften schon immer mit alten Ideologien aufgeräumt haben, und dass weswegen der Fortgang des Klassenkampfs auch bloß das Zerstörungswerk der Bourgeoisie an der Ideenwelt des Feudalismus weiterführt und vollendet. Eingeleitet wird diese Entgegnung mit einer eher groben Theorie des falschen Bewusstseins:

„Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“

Wenn man sich so umschaut in der Welt des höheren Blödsinns, kann das die ganze Wahrheit nicht sein. Die aktuellen herrschenden Ideen sind jedenfalls oft so verdrechselt, dass die herrschende Klasse ihre Schwierigkeiten hat, sie zu begreifen. Aber wenn es schon um die herrschenden Ideen gehen soll, dann hätten gerade Marx und Engels – in anderen Schriften habe sie es bewiesen – in Sachen Kritik mehr zu bieten als den pauschalen Hinweis, „dass das gesellschaftliche Bewusstsein aller Jahrhunderte … (sich) in gewissen gemeinsamen Formen bewegt“. Und die kommunistische Abneigung gegen Religion und Moral damit zu begründen, dass das doch „kein Wunder“ sei bei Leuten, die „mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen radikal brechen wollen“, ist fast mehr eine Entschuldigung als ein Beitrag zum Kampf gegen falsches Bewusstsein.

*

„Doch lassen wir die Einwürfe der Bourgeoisie gegen den Kommunismus“.

Erst die letzte Seite des 2. Kapitels des Papiers stellt überhaupt so etwas wie ein Manifest dar. Hier werden programmatische Forderungen erhoben – bloß welche!

Als erstes erfahren wir, dass das Proletariat die politische Herrschaft ergreifen muss. Hier kann man nur sagen; Was denn sonst! Auch wenn wir, nach unserer Kenntnis der modernen Demokratie, das nie und nimmer gleichsetzen würden mit der „Erkämpfung der Demokratie“. Aber sei’s drum.

Das folgende ökonomische Programm ist schon deutlich weniger klar umrissen. Wenn es da heißt:

„Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen…“,

dann möchte man doch schon darauf bestehen, dass „Entreißen“ und „Abschaffen“ nicht ganz dasselbe ist. Kein Zweifel auch, dass die Entmachtung der Bourgeoisie

„natürlich nur geschehen (kann) vermittels despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerliche Produktionsweise.“

Aber wieso um alles in der Welt sollen diese „Maßregeln“ dann „ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen“ und sich nur dadurch rechtfertigen, dass sie „über sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind“? Soll denn die vom Proletariat eroberte Staatsmacht schon wieder so einen ökonomischen Selbstlauf eröffnen, einen geschichtlichen Mechanismus, der den Zielen der proletarischen Revolution quasi „hinter dem Rücken“ der agierenden Subjekte zum Durchbruch verhilft? Ein Endziel, das keiner will: die Abschaffung des Kapitalismus, soll auf den Weg gebracht werden mittels lauter „Etappensiegen“, die zwar nichts mit einer kommunistischen Umwälzung zu tun haben, für die man aber zumindest in den „fortgeschrittensten Ländern“ schon einige Bündnisgenossen sieht.

Dieser Vorstellung entsprechend sind die 10 Forderungen am Ende des 2. Kapitels konstruiert, auf die sich die heutigen Ideologen der „sozialen Marktwirtschaft“ so begeistert berufen, weil sie sie – mit den nötigen „realistischen“ Abstrichen, versteht sich… – im modernen Kapitalismus erfüllt sehen:

„1. Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben.

2. Starke Progressivsteuer.

3. Abschaffung des Erbrechts.

4. Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen.

5. Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats…

6. Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staats.

7. Vermehrung der Nationalfabriken….

8. Gleicher Arbeitszwang für alle…

9. Vereinigung des Betriebs von Ackerbau und Industrie….

10. Öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller. Beseitigung der Fabrikarbeit der Kinder in ihrer heutigen Form. Vereinigung der Erziehung mit der materiellen Produktion.“

Es spricht für Marx und Engels, dass sie sich später von diesem „Sofortprogramm“ distanziert haben.3

Bei der Abfassung des Manifests waren sie aber davon überzeugt, dass radikale Forderungen, die sich gleichzeitig darum bemühen, an den gegebenen Verhältnissen anzuknüpfen und Korrekturen anzubringen, der passende Einstieg in eine totale Umwälzung der Gesellschaft wären. Und so radikal die Forderungen auch sein mögen – extremistisch zum Teil noch für ein modernes bürgerliches Gemeinwesen, für die Verhältnisse im Jahre 1848 auf alle Fälle allesamt umstürzlerisch –: Sie sind durch und durch opportunistisch. Vorhandenen Reformbewegungen wird recht gegeben und gleichzeitig darauf gesetzt, dass mit jeder bürgerlichen Reform nichts geringeres vollbracht wäre als ein weiterer Schritt hin zur Abschaffung der bürgerlichen Gesellschaft. Eine „starke Progressivsteuer“ auf den kapitalistischen Reichtum jedoch ist noch nicht einmal eine besonders zweckmäßige Kampfmaßnahme, um „der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen“; geschweige denn, dass damit die Ersetzung der kapitalistischen Produktionsweise durch einen vernünftigen gesellschaftlichen Plan in die Wege geleitet wäre – allenfalls mag auf die Art die Staatsgewalt in die Rolle der Kapitalisten hineinwachsen, worauf in der Tat auch die meisten anderen Forderungen abzielen. Als wäre der Staat, wenn er den Reichtum der Gesellschaft nur bei sich zentralisiert und die Kapitalisten ersetzt, schon ungefähr das, worauf Kommunisten mit ihrer Kritik der politischen Ökonomie hinauswollen, oder zumindest eine gute Bedingung dafür und genau das, was ein siegreiches Proletariat mit der eroberten Macht herzustellen hätten!

Kurz: Es werden lauter „über sich selbst hinaustreibende Wege“ zur proletarischen Revolution aufgezeigt, die garantiert keine sind. Denn das, worauf das Ganze hinauslaufen soll:

„Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter… An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

dieses Endziel der „Entwicklung“ ist so ziemlich der einzige geschichtliche Schritt in der Welt, der ganz bestimmt nicht als Sachzwang „hinter dem Rücken“ gesellschaftlicher Charaktermasken passiert, sondern nur, wenn Individuen sich wirklich mit Wille und Bewusstsein über das, was sie vorhaben, „assoziieren“. Wenn irgend etwas, dann ist eine solche Assoziation, in der die „freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ – lassen wir’s mal als kommunistische „Antwort“ auf das bürgerliche Ideal der „frei entwickelten Persönlichkeit“ gelten… –, nicht als bewusstloses „Über-sich-Hinauswachsen“ einer „geschichtlichen Entwicklung“ zu haben, sondern nur als gemeinsamer Plan von Leuten, die wissen, was sie tun.

3. Kapitel: „Sozialistische und kommunistische Literatur“

Ausrechnet bei ihrer Auseinandersetzung mit dem sozialistischen Überbau der damaligen Zeit laufen Marx und Engels zu großer Form der Kritik auf. In ihrer Abrechnung mit zeitgenössischen „sozialistischen“ Reaktionären und Fortschrittlern lasssen sie an deren Theorien kein gutes Haar. Da wissen sie sehr genau zu unterscheiden, dass die Eingemeindung der Arbeiterklasse in die bürgerliche Gesellschaft etwas anderes ist als die Entmachtung der Bourgeoisie. Leider wollen sie von dieser Kritik nichts mehr wissen, sobald sie sich ihrem 4. Kapitel widmen:

4. Kapitel: „Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien“

Kaum befassen sie sich mit anderen sozialistischen Parteien, stellen sie sich wieder affirmativ und opportunistisch auf jeden Mist ein und entdecken in einem Land nach dem anderen Bündnispartner, die mit der entschlossenen Unterstützung der Kommunisten rechnen können.4

*

Bleibt noch der letzte Abschnitt des Textes. Etwas weniger Theatralik hätte es zwar auch getan; dann hätten sich jedenfalls nicht spätere Vertreter der „herrschenden Ideen“, statt „vor einer kommunistischen Revolution zu zittern“, an der schöngeformten Rede erbauen können. Aber sachlich völlig in Ordnung, dieses abschließende Bekenntnis zu der kommunistischen Maxime, nichts zu verleugnen und nichts zu beschönigen:

„Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.“

Hätten sich die Autoren doch nur auf den vorangegangenen Seiten ihres Manifests an ihre Maxime gehalten!

„Ferner ist selbstredend, dass die Kritik der sozialistischen Literatur für heute lückenhaft ist, weil sie nur bis 1847 reicht; ebenso die Bemerkungen über die Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen Oppositionsparteien (Abschnitt IV), wenn auch in den Grundzügen heute noch richtig, doch in der Ausführung heute schon deswegen veraltet sind, weil die politische Lage sich total umgestaltet und die geschichtliche Entwicklung die meisten der dort aufgezählten Parteien aus der Welt geschafft hat. “ (Marx/Engels, Vorwort zur deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von 1872).

PS.: Die Karriere der Fehler des Kommunistischen Manifests im Realen Sozialismus

Was die Autoren des Kommunistischen Manifests betrifft, die haben – wie schon mehrfach erwähnt – die Mängel und Fehler ihrer Frühschrift später größtenteils korrigiert. Doch bedauerlicherweise finden nicht nur heutige Schöngeister das Kommunistische Manifest echt affengeil. Viel schlimmer ist, dass diese Schrift in den letzten 150 Jahren soviel Anklang gefunden hat bei allen, die sich für die „Sache der Arbeiterbewegung“ stark gemacht haben. Die Schwächen und Fehler des Manifests haben leider eine steile Karriere hinter sich als beliebtester Leitfaden sämtlicher kommunistischer Umtriebe der letzten Jahrzehnte, ja sogar für die verflossenen kommunistischen Staatsgründungen. Den kommunistischen Parteien, die sich auf Marx und Engels beriefen, haben nämlich die Schwachheiten des Manifests viel mehr zugesagt als die Kritik der Politischen Ökonomie und des Gothaer Programms der Sozialdemokratie. Sie haben die Vorstellung, Kommunismus wäre nichts weiter als die Zusammenfassung, der „entschiedenste Ausdruck“ all der Sehnsüchte des „entrechteten und geknechteten Proletariats“, zum Dogma erhoben und nach allen Seiten hin radikal verkehrte Konsequenzen daraus gezogen.

– Auf der einen Seite opportunistisch bis zur Selbstverleugnung beim Anknüpfen an „soziale Bewegungen“, die sie als Kommunisten im Volk, insbesondere im Proletariat, gesucht und gefunden haben.

– Skrupellos, bedenkenlos bei der Auswahl von Bündnispartnern, deren Zielsetzungen sie als lauter Bestandteile und Vorstufen des eigenen Programms gedeutet haben.

– Hoffnungslos affirmativ in Bezug auf alles – Familie, Brauchtum, Normen und Werte, Vaterland … –, was nach Auffassung aller wohlmeinenden Kulturkritiker im Kapitalismus unter die Räder kommt; nach dem Motto: „Das Wahre, Gute, Schöne ist in Wahrheit erst im Sozialismus möglich.“

– Auf der anderen Seite total desinteressiert an den – kritikablen oder auch korrekten – Bedürfnissen und Vorstellungen, mit denen kommunistische Umstürzler in der kapitalistischen Gesellschaft tatsächlich konfrontiert sind.

Kurz: Ausgerechnet die sich auf Marx berufenden Parteien haben sich den Widerspruch geleistet, die agitatorische Aufklärung ihrer Adressaten über die kapitalistische Systemnotwendigkeit ihrer miserablen Lage, die agitatorische Kritik der höchst systemimmanenten Gerechtigkeitsforderungen, die Kritik der Art und Weise also, wie Lohnarbeiter sich auf die Lebensbedingungen unter dem Regime des Kapitals einstellen, ziemlich vollständig zu ersetzen durch die Anerkennung des Proletariats im besonderen und der Volksmassen im allgemeinen in dem trostlosen Zustand, in dem Kommunisten sie vorfinden. Die „Volksmassen“ wurden von ihrer „Vorhut“ – den Kommunisten – beglückwünscht als Erfüllungsgehilfen eines fiktiven Auftrags der Geschichte, den sie noch nicht einmal zu kennen brauchten, weil er angeblich sowieso galt und Wirkung zeigte.

Wo sie an die Macht gekommen sind, haben die kommunistischen Parteien des real existierenden Sozialismus die „untrennbare Einheit“ von Führung und Volk dekretiert. Als „Arbeiter- und Bauernstaaten“ haben sie den Proletkult auf die Spitze getrieben; die Identität zwischen Partei und Massen mit aller Macht inszeniert, so dass jede kritische Stellungnahme aus den Reihen der geliebten Massen den Genossen an den „Schalthebeln der Macht“ suspekt war, als mögliche Abweichung von der „korrekten Parteilinie“ beobachtet und nicht selten auch verfolgt wurde. Umgekehrt wurden alle Regungen, die sie im Volk vorgefunden haben – von der Religion über folkloristisches Brauchtum bis zum Nationalismus – von den regierenden kommunistischen Parteien alles andere als konsequent bekämpft, vielmehr als – bestenfalls noch ungenügender – Ausdruck einer im Prinzip korrekten, völkerverbindenden, massenfreundlichen Tendenz affirmiert.

Was die Ökonomie betrifft, haben die an die Macht gekommenen Anhänger des Kommunistischen Manifests dann tatsächlich, statt einen Übergang zur planmäßigen Produktion von Gebrauchswerten durchzusetzen, ein System „ökonomisch unzureichender und unhaltbarer Maßnahmen“ im Sinne eines radikal verbesserten Kapitalismus installiert.

Auf das Geld wie auf den Lohn meinten sie – im Gegensatz zu der von Marx und Engels in ihren späteren Schriften gelieferten Kritik an diesen kapitalistischen Errungenschaften – keinesfalls verzichten zu können. Im Gegenteil, sie waren der festen Auffassung, erst im Sozialismus würde beides zur vollen Schönheit und zu nützlichen „Hebeln der Steuerung der Produktion und Konsumtion“ reifen.

Angesichts dieses Programms war es ihnen völlig klar, dass die „öffentliche Gewalt“ nie und nimmer ihren „politischen Charakter“ verlieren konnte; bzw. sie haben irgendwann per politischem Dekret verkündet, dass sie die „Übergangsgesellschaft“ für beendet betrachten und in ihren Staaten der Kommunismus herrscht.

Im Weltmaßstab schließlich hielten sie wenig von dem Slogan: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Sie sorgten für die restlose Ersetzung des Klassenkampfs durch eine Politik der militärischen Konfrontation und Friedenssicherung.

Um einen „geistigen Überbau“ für ihren revolutionären Tatendrang waren sie nicht verlegen. Sie hatten sich nämlich heftig in die Vorstellung verliebt, dass sie und ihr Programm immer nur der „Ausdruck einer geschichtlichen Gesetzmäßigkeit“ sein konnten. In diesem Sinne haben sie gleich eine ganze Tradition linker Erkenntnistheorie begründet, die sich – streng Histo- und Diamat-mäßig – in immer komplexeren Elaboraten um die Verankerung der zutiefst philosophischen Erkenntnis bemühte: dass das, was ist – und was die Partei veranstaltet, auch sein muss, weil es der Geschichte entspricht.

Bleiben noch die Epigonen der „Bewegung“, die beispielsweise in den 70er Jahren an bundesdeutschen Hochschulen „die Fahne des Kommunismus hochgehalten“ haben. Die sind nicht davor zurückgeschreckt, jedes Volksgemurmel und jeden noch so sozialverträglichen DGB-Tarifstreit zur „sozialen Bewegungen“ und zum „Schritt in die richtige Richtung“ zu erklären. So haben sie sich revolutionäre Umtriebe in

die Tasche gelogen, um sich als deren Ausdruck begreifen zu können. Jede Kritik an ihren Adressaten haben sie entschieden abgewehrt und sich mit Grußadressen an schimpfende Belegschaften …“ an die Spitze der angeblichen oder wirklichen Unzufriedenheit im Volk zu gesetzt.

Sogar ihren Abgesang auf den Kommunismus haben manche der alten Freunde des Kommunistischen Manifests in dem Bewusstsein vollzogen, dass sie den vorgezeichneten Gang der Weltgeschichte irgendwie falsch verstanden haben müssten.

Selbstkritisch haben sie zu Protokoll gegeben, dass sie mit ihrem „kommunistischen Experiment“ offensichtlich – menschheitsgeschichtlich gesehen – schätzungsweise ein paar hundert Jahre zu früh dran waren. So kann man auch die eigene Absage an kommunistisches Gedankengut als Einsicht in geschichtliche Notwendigkeiten darstellen. Diejenigen, die erst gar nicht dazu kamen, ein „kommunistisches Experiment“ zu veranstalten – die kommunistischen Gruppierungen in den kapitalistischen Metropolen –, haben auf ihre Weise ihre Absage an den Kommunismus über die Bühne gebracht. Nachdem sie aus dem Manifest eine Gebrauchsanweisung zum Proletkult gemacht und sich als „Vorhut“ aufgebaut hatten, die sich in nichts von der „wirklichen Bewegung“ unterscheidet, mussten sie irgendwann feststellen, dass das real existierende Proletariat alles andere im Sinn hat als eine kommunistische Bewegung.

Da haben sie dem bis neulich noch heißgeliebten Proletariat ihre Zuneigung entzogen. Kritisieren wollen sie „die Massen“ immer noch nicht. Denn jetzt glauben sie zu wissen, dass diese ganze Bande – und ganz speziell der Prolet in seiner deutschen Ausprägung – zum „schlechtesten Menschenmaterial“ gehört, das die Welt je gesehen hat. Solche Typen gehören, nach Auskunft der enttäuschten Arbeiterfreunde von gestern, mit Verachtung gestraft und nicht für eine Revolution agitiert.

Schuld an alledem ist das Kommunistische Manifest trotz aller seiner Mängel nicht. Denn erstens ist der Schrift zu entnehmen, dass Marx und Engels damit eine Kampfschrift gegen den Kapitalismus in die Welt setzen wollten. Und zweitens handelt es sich bei diesem marxistischen Frühwerk immerhin um eine „Vorstufe“ für weitaus bessere Spätwerke. Die Freunde des Realen Sozialismus sind den umgekehrten Weg gegangen: Sie haben die Einsichten der „Alten“ zugunsten ihrer geschichtsphilsophischen Anfänge revidiert.

 

  1. Dass Bertolt Brecht, wie jetzt im Rahmen der allgemeinen Lobgesänge über die angebliche literarische Qualität des Kommunistischen Manifestes zu erfahren war, später tatsächlich versucht haben soll, aus dem Manifest ein Gedicht zu machen, kann man wirklich nicht seinen beiden Autoren zur Last legen. Es zeigt höchstens, dass Brecht sein Lebtag nicht zwischen künstlerischer Erbauung und politischer Agitation unterscheiden wollte. Ein Fehler, den er im übrigen mit den Parteiführungen des real-sozialistischen Staatsblocks teilte, für die Unterhaltung und „proletarische Bewusstseinsbildung“ ebenfalls eine „untrennbare Einheit“ darstellte. Weshalb der „Kulturschaffende“ Brecht in seinen DDR-Jahren bekanntlich das tragische Schicksal erlitt, von der politischen Gängelung durch US-Behörden, die in ihm einen „kommunistischen Agitator unter dem Deckmantel der Kunst“ ausmachten, unter die fürsorgliche Obhut und Kontrolle der Partei der Werktätigen zu geraten, die bisweilen andere Vorstellungen von „sozialistischer Linientreue“ beim Dichten und Theaterspielen hatte als der seit neuestem auch im Westen Deutschlands gefeierte „größte deutsche Dramatiker dieses Jahrhunderts“.
  2. Uns sind Figuren wie Hans-Olaf Henkel, Gerhard Schröder, Norbert Blüm und Konsorten dagegen an einer ganz anderen Stelle der Manifests sehr lebhaft vor Augen gestanden:

    „Seinen entsprechenden Ausdruck erreicht der Bourgeoissozialismus erst da, wo er zur bloßen rednerischen Figur wird. Freier Handel! im Interesse der arbeitenden Klasse; Schutzzölle! im Interesse der arbeitenden Klasse; Zellengefängnisse! imm Interesse der arbeitenden Klasse: das ist das letzte, das einzige erstgemeinte Wort des Bourgeoissozialismus. Der Sozialismus der Bourgeoisie besteht eben in der Behauptung, dass die Bourgeois Bourgeois sind – im Interesse der arbeitenden Klasse. Die aktuelle Fassung dieses Sozialismus heißt: „Lohnsenkungen und rentable Arbeitsplätze! im Interesse der arbeitenden Klasse!

  3. „Dieser Passus (die am Ende von Abschnitt II vorgeschlagenen revolutionären Maßregeln) würde heute in vieler Beziehung anders lauten Namentlich hat die [Pariser] Kommune den Beweis geliefert, dass ‚die Arbeiterklassse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eignen Zwecke in Bewegung setzen kann‘.“ (Marx/Engels, Vorwort zur deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von 1872)
  4. Auch ihre spätere Distanzierung von diesen Passagen lässt weniger eine Kritik an diesem opportunistischen Fehler erkennen als vielmehr eine Absage an die Parteien, die sie sich 1848 als Bündnispartner ausgeguckt hatten – weil es die schlicht und einfach nicht mehr gab:

    „Ferner ist selbstredend, dass die Kritik der sozialistischen Literatur für heute lückenhaft ist, weil sie nur bis 1847 reicht; ebenso die Bemerkungen über die Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen Oppositionsparteien (Abschnitt IV), wenn auch in den Grundzügen heute noch richtig, doch in der Ausführung heute schon deswegen veraltet sind, weil die politische Lage sich total umgestaltet und die geschichtliche Entwicklung die meisten der dort aufgezählten Parteien aus der Welt geschafft hat.“ (Marx/Engels, Vorwort zur deutschen Ausgabe des Kommunistischen Manifests von 1872).