Marx-Lesekreise bundesweit — ergänzende Texte und Vorträge

Die Klassen I: Kapitalisten

Die Proleten sind weg, an ihre Stelle sind die Arbeitnehmer getreten. Statt der Kapitalisten von einst sind heute Arbeitgeber unterwegs. Aus beiden Abteilungen einer überholten Gesellschaftsordnung sind Bürger geworden, deren Beziehunge nicht mehr durch Gegensätze vergiftet sind – vor dem Gesetz ein und desselben Staates sind sie gleich. Übrig geblieben sind ein paar unübersehbare Unterschiede; sie beleben die Diskussionen über soziale Gerechtigkeit. So wird die Verantwortung, die jeder in seinem Stand zu tragen hat, stets rechtzeitig bekannt gemacht. Auch den Bauern, die jetzt Landwirte sind.

Einiges hat sich also verändert. Erstens die Namen, zweitens die staatliche Beaufsichtigung der Klassen, drittens das Klassenbewußtsein. Sonst freilich nichts.

Eine frisierte Erfolgsbilanz: „Demokratie überwindet Klassengesellschaft“

Die Umbenennung der sozialen Charaktere verdankt sich nicht dem bisweilen auftretenden Bedürfnis, für eine neue Sache auch ein neues Wort einzuführen, so dass sich jederman bei der Erwähnung des neuen Zeichens auch nichts Verkehrtes vorstellt. Einmal durchgesetzt, taugte die Neuschöpfungen alsbald genauso gut zur Bezeichnung eben jener Figuren aus vergangenen Tagen, die damals noch gar nicht so geheißen haben. Gerade vergleichsbeflissene Soziologen, Historiker, Journalisten und Politiker wissen von der weiland ach so miserablen Lage der „Arbeitnehmer“ und von deren Rechtlosigkeit zu berichten. Sie meinen sehr wohl denselben Menschenschlag, von dessen unaufhaltsamen Aufstieg sie erzählen, und ein Vergleich zwischen dem „Lebensstandard“ eines griechischen Sklaven, eines römischen Söldners und dgl. mit dem eines VW-Arbeiters liegt ihnen gar nicht so sehr am Herzen.

Die sprachliche Reform ist einem moralischen Bedürfnis geschuldet. Mit den alten Namen waren Gedanken verbunden, die Anklagen, richtige wie verkehrte Kritik, enthielten. Sie waren zu unmißverständlichen Kürzeln geworden, welche eine unausweichliche Verteilung von Schaden und Nutzen, Armut und Reichtum, Unterwerfung und Macht vorstellig machten. Und die neuen Namen stehen für das Bemühen, diesen kritischen Auffassungen ihre Berechtigung abzusprechen. Sie sind selbst eine zu Vokabeln verfertigte Ideologie, die sich bei der Retusche an „Proletarier“ und „Kapitalist“ einer eigenartigen Logik im Umgang mit drei sehr vertrauten Vorstellungen bedient. Mit „Arbeit“ haben es beide, und beim „Geben“ und „Nehmen“ steht die Welt auf dem Kopf. Der sprachpflegerische Nebeneffekt dieser Umtaufaktion betrifft freilich auch den gemütsvollen Gebrauch der überholten Namen, die keineswegs verschwunden sind: Sie sind allesamt zu Schimpfworten geworden. Ein „Prolet“ ist für wohlerzogene und feinfühlige Demokraten kein Angehöriger einer Klasse, sondern ein mit Unbildung und sonstigen Unarten geschlagener Charakter – also ein Vorwurf. Dasselbe gilt für den „Bauer“, der bekanntlich auch nicht weiß, dass man auf einer Vernissage keine Traktor parkt und Fisch zum Wein ißt.“Kapitalist“ darf man getrost diejenigen Exemplare unter den „Arbeitgebern“ nennen, bei denen der Erwerbstitel den Glauben an die ihm angedichtete Gabe empfindlich stört. Zur Strafe für die als Ausnahme betrachtete Rücksichtslosigkeit seines Gewerbes wird da einer leicht ins 19. Jahrhundert zurückversetzt, ideell, weil er dort hinpassen würde.

Das schmerzt. Umgekehrter Gebrauch der unschuldigen Wörter verweist dafür eindeutig auf marxistisches Ideengut, noch bevor dieses überhaupt zur Kenntnis genommen wird. Die unbefangene Bezeichnung von im übrigen jedermann vertrauten Abteilungen des nationalen Wirtschaftslebens durch die „überholten“ Wörter ist für Kommunisten sogar ein kleines Problem. An so freundliche Titel wie „Mitarbeiter“ und „Kollege“ gewöhnt wie an seine proletarische Karriere, mag sich mancher Arbeiter letztere auf keinen Fall auch noch „vorhalten“ lassen. Obwohl das ganz andere Instanzen tun.

Die staatlichen Leistungen beschränken sich nämlich keineswegs auf die Beförderung des Gerüchts, heute sei alles anders und „Arbeitnehmer“ hätten ganz viel Anerkennung und somit auch ihren neuen Titel verdient. Der Demokratie ist viel daran gelegen, dass ihr Staatsapparat sich dauernd um diese große Abteilung des Volkes kümmert. Was „Arbeitnehmer“ treiben, so lautet der Beleg für den großen Pluspunkt in Sachen „Veränderung“ gegenüber früher, ist dem Staat nicht gleichgültig. Und dann kommt jene in der Reihenfolge beliebige Aufzählung von Leistungen, die man umstandslos als Dienst an den Bürgern verstehen soll, die sich mit dem Nehmen von Arbeit beschäftigen. Der klassenlose Zustand unserer Tage wird damit bewiesen, dass der Klasse von einst heute eine staatliche Betreuung zuteil wird, die sich auf sämtliche Belange von Leuten erstreckt, welche sich mit Lohnarbeit herumschlagen.

So hält sich jeder Politiker enorm viel darauf zugute, einen Sozialstaat zu regieren. Dabei ist er sich durchaus darüber im klaren, mit „sozialen“ Taten auf so etwas wie Bedürftigkeit und Not zu reagieren. Dennoch hält er das Argument zum Sozialstaat, das ihn zum Armutszeugnis im wahrsten Sinne des Wortes erklärt, für ziemlich belanglos. Und noch weniger stört ihn, dass seine „Fürsorge“ in Gestalt von lauter Verpflichtungen denen gegenüber daherkommt, derer sich der Staat da annimmt. Er versieht vom Steuerabzug an der Quelle bis zur Zwangsversicherung alles mit dem Titel eines Rechts, das er seinen zahlreichen Dauersozialfällen zukommen lässt, und dessen Wohltaten sie zu schätzen hätten. Und dieser Umgang mit den „sozial Schwachen“ findet selbst dann noch schwer Anerkennung als die ständig vorbuchstabierte Leistung eines Abschieds von der Klassengesellschaft, wenn die Zeitungen die Opfer nach Millionen zählen – seien es Arbeitslose, andere Arme, Kranke oder Behinderte. Selbst im gewerkschaftlichen und linken Lager glauben Kritiker gerne an den Sozialstaat. Sie registrieren ebenso empört wie folgenlos „Sozialabbau“, weil sie den Staat wider alle Erfahrung als eine Instanz schätzen, die genau das ungeschehen macht, was das von ihm verwaltete und geregelte Nehmen und Geben von Arbeit anrichtet. Der behandelt unterdessen die Sozialkassen als eine konjunkturgemäß zu korrigierende Geldquelle für seine Belange.

Die zweite Hälfte des Beweises, dass „Arbeitnehmer“ unmöglich Bestandteil einer Klassengesellschaft sein können, übernimmt der historisch verbürgte Fortschritt hin zum Rechtsstaat. Dessen Überzeugungskraft beruht auf einer ebenso einseitigen wie verbreiteten Sichtweise, die im Recht – und das geht wiederum nur durch einen Vergleich mit Verhältnissen, wo es fehlt – einen einzigen Katalog von Erlaubnissen erblickt. Einmal übernommen, lässt sich diese Sichtweise durch nichts erschüttern. Die Verbote und Verpflichtungen sind angesichts der Tatsache, dass der Staat Regeln erlässt und gewaltsam durchsetzt, also keine Willkür zulässt, für Fanatiker des Rechtsstaates nicht der Rede wert. Eher finden sie, dass der Staat oft seine Rechte zu knapp bemisst oder zu lasch ausschöpft – und sich deswegen mancher zu viel herausnimmt. Alles geht in Ordnung – vorausgesetzt, der Staat hat gemäß dem Recht das Recht dazu geschaffen. Dann geht eben der Schutz, mit dem ein jeder das Recht verwechseln darf, genau so weit, wie das Gesetz es vorsieht.

Unerfindlich scheint angesichts dieser jahraus jahrein vorgeführten Praxis, wie sie den Proletarier und den Kapitalisten zum Verschwinden bringen soll. Sie schreibt ihnen doch nur vor, was sie in eben ihrem Stande zu tun und zu lassen haben: Hat der Kündigungsschutz die Millionen Arbeitslosen verhindert? Das Mietrecht durch das Wohnen gegen Mietzins ein billiges Wohnen ermöglicht, das den Lohn zum Vermögen werden läßt? Regeln Arbeits– und Umweltschutzgesetze ein gesundes Arbeiten und Leben oder nur die Abwicklung der Schäden, die zu einer Proletarierexistenz nun einmal gehören? Sicher, das Recht, vom Tellerwäscher zum Millionär oder vom Arbeiter zum Aktionär zu werden, ist verbrieft. Und dennoch versagt diese Garantie ihre Dienste, was man daran sieht, dass doch relativ viele beim „Arbeitnehmen“ bleiben und mit der Aktiengesetzgebung nie zu tun kriegen.

Das liegt dann an der Ungerechtigkeit, überhaupt und bei der Verteilung von Chancen, auch daran, dass es dumme und gescheite Leute gibt, dass manche in der Schule nicht aufpassen und es schon immer Arme und Reiche gegeben hat.

So ähnlich oder genauso geht heute Klassenbewusstsein: Zumindest die eine Klasse mag sich nicht damit abgeben, sich Rechenschaft über ihre eigene Lage zu geben und das Wie und Warum ihrer gar nicht rosigen Lebensumstände zu klären. Dass man arm ist, lässt man sich in diesen Kreisen sowieso nicht nachsagen, obwohl man etwas Besseres verdient hätte. Derweil verdient sich die kleinere Abteilung dumm und dämlich, und sie glaubt sehr selbstbewusst, das wäre ihr Verdienst und schwer gerecht.

Von den Kapitalisten

Sooft das Feld der Polemik und Apologie verlassen wird, sooft also weder von Ausbeutung noch davon die Rede ist, dass diese Menschen ein personifiziertes Lebensmittel derer darstellen, die „Arbeit“ brauchen, gibt es sie doch. Und es unterliegt keinem Zweifel, dass es sich um einen wohldefinierten Personenkreis handelt, der unter dem Titel „Unternehmer“ – oder kollektiv: „die Wirtschaft“ – kaum unter mangelndem Ansehen leidet. Wenn es um den Gang der „Wirtschaft“ geht, ist jede Apologie überflüssig, weil die Sorge um ihr Gelingen jeden Gedanken leitet. Die Befürwortung der Werke, welche der „Wirtschaft“ obliegen, ist da eine ausgemachte Sache. Und zwar mit dem – explizit oder stillschweigend – geltend gemachten Argument, dass von den Entscheidungen und Erfolgen dieses Gewerbes mit seiner seltsam abstrakten Natur so gut wie alles abhängt.

Dem damit verbundenen kategorischen Imperativ, sein Dichten und Trachten darauf zu richten, dass „der Wirtschaft“ möglichst alle Probleme erspart bleiben, sollte man besser nicht folgen, wenn man wissen will, wodurch sich das gesellschaftliche Wirken besagten Personenkreises auszeichnet. Dann versteht man auch ihre Probleme besser.

a) Zunächst einmal schlagen alle gut gemeinten Versuche fehl, die Frage „Warum sind die eigentlich ‚die Wirtschaft?“ mit Hilfe der demokratischen Medien und ihrer Informationsbereitschaft zu klären. Bei aller Mitteilungsfreude über Vergnügungen und familiäre Großtaten stellt sich einfach kein Charakterzug, keine „menschliche“ Besonderheit heraus, der die Herren und Damen vor anderen Zeitgenossen dazu prädestiniert, auf die „Wirtschaft“ aufzupassen. Sie essen und trinken, gehen aus, setzen ihre Kinder auf die Schaukel oder ins Auto, oder sie geben besorgniserregende Befunde über Öl-, Automobil– und andere Krisen zu Protokoll – lauter Sachen, die Professoren, Betriebsräte, Zeitungen und Stammtischbesucher auch vermelden. Manche haben Abitur, manche wieder nicht, selbst Hobbys können sie nachweisen. Noch nicht einmal Zylinder, das ihnen in gewissen Kreisen zugedachte Markenzeichen, tragen sie bei ihren Terminen; höchstens eines fällt auf bei den zahlreichen Zeugnissen davon, wie sie es mit dem Leben so halten: Geld spielt keine Rolle. Das hat allerdings nun mit der „Persönlichkeit“ herzlich wenig zu tun.

b) Zu bedeutenden Persönlichkeiten werden Unternehmer dadurch, dass sie von Berufs wegen ebenfalls mit Geld befaßt sind, und zwar auf eine Weise, die mit ihrem Konsum nur so viel zu schaffen hat, dass sie ihren privaten Verbrauch aus den Erträgen ihres Geschäfts finanzieren. Jener berufliche Umgang mit Geld beruht darauf, dass diesen Bürgern ein Vermögen gehört, das sie zum Zwecke seiner Vermehrung einsetzen. Sie nennen es Kapital, und die Tatsache, dass sie es nicht ausgeben für ihre persönlichen Genüsse, sondern investieren, hat wohlwollende Beobachter ihres Treibens dazu angeregt, ihr Geschäft mit der Kunst der Entsagung und des Sparens gleichzusetzen. Dabei besteht ihre Tätigkeit keineswegs in lauter Akten der Unterlassung, sondern in lauter Entscheidungen zur Teilnahme am Marktgeschehen.

Die Industriellen kaufen sich von ihrem Vermögen einen Betrieb, erwerben also Produktionsmittel und Materialien, an denen sich gegen einen Lohn Arbeiter zu schaffen machen, so dass die Firma etwas zum Verkaufen hat. Die Differenz zwischen Erlös und eingesetztem Kapital ist der Gewinn. Er bildet den Zweck der ganzen Unternehmung, weil er das Vermögen vergrößert.

c) Große Geheimnisse sind damit freilich nicht ausgeplaudert. Das weiß ein jeder, dass in der freien Marktwirtschaft die Entscheidung darüber, ob und wie etwas produziert wird, aufgrund von unternehmerischen Kalkulationen fällt. Daran ist die demokratisch verwaltete Menschheit gewöhnt, dass sich Güter aller Art als Geschäftsartikel zu bewähren haben, dass ihr Preis das Bedürfnis nach Gewinn zu befriedigen hat und darin die Bedingung festgeschrieben ist dafür, dass die gewöhnlichen Bedürfnisse zum Zuge kommen. Öffentliches Ärgernis ruft bestenfalls die Behauptung hervor, dass der Staat mit der Lizenzierung des Privateigentums eine Klasse ins Leben ruft, deren Privatinteresse an der Vermehrung ihres Vermögens zur allgemeinen Existenzbedingung des Rests der Welt wird, der im Dienst am Gewinn aufgeht und dabei notwendigerweise schlecht fährt. Dieser Staat, der sich auch dazu herbeiläßt, die Zuwächse an Privatvermögen zusammenzuzählen – was die Eigentümer selbst geflissentlich unterlassen – und mit dem „Wirtschaftswachstum“ seine Vorliebe fürs Privateigentum zum Prinzip zu erheben, dem niemand in die Quere kommen darf, bekennt sich zum Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit. Das Kapital trägt diesen Gegensatz aus, indem es sich auf die rechtliche Erlaubnis zur Eigentumspflege beruft und jedermann die dafür erforderlichen Maßnahmen als „Sachzwang“ aufherrscht. Die Kapitalisten verwenden ihren gesamten Einfallsreichtum darauf, aus ihrem Geld mehr Geld zu machen, betonen ein ums andere Mal, dass vom Gelingen der Bewegung G – G‘ alles abhängt – und streiten gleichzeitig ab, dass sie nichts anderes seien als personifiziertes Kapital. Unter „Verantwortung“, „Initiative“, „Leistung muß sich lohnen“ und „wir schaffen Arbeitsplätze“ geht da nichts, wenn sie ihr Recht zur Vollführung von G – G‘ in lauter Pflichten und Beschränkungen der anderen übersetzen. Weil ihre Privatsache in den Rang eines allgemein geltend gemachten Anliegens erhoben ist, verfügen sie über das selten glückliche Klassenbewußtsein, bloße Diener ihrer eigenen Interessen zu sein. Bei diesem Dienst richten sie all das an, was den bürgerlichen Verstand unter dem Titel „sozial“ beschäftigt und dem Klassenstaat als zu bewältigende „Fragen“, „Übel“, „Mißstände“ und „Ungerechtigkeiten“ angetragen wird.

d) Bei den „Beschäftigten“ wird aus dem Verhältnis von Lohn und Leistung, das so entscheidend für den Gewinn einer industriellen Unternehmung ist, eine einzige Ansammlung von Existenzproblemen. Der Standpunkt der Lohnkosten produziert den Geldmangel der anderen Seite, die Ausdehnung der Arbeitszeit beschränkt die frei verfügbare Lebenszeit. Der Preis der Konsumgüter mindert die Brauchbarkeit der Lohnsumme, weil er den Gewinn garantieren muß. Die Erhöhung der Leistung pro Zeit, die eine rentable Ausnützung der teuren Produktionsmittel gewährleistet, geht auf die Gesundheit; gleichzeitig werden Arbeitskräfte überflüssig, die sich dann auf dem „Arbeitsmarkt“ tummeln, sooft die Produktion „rationalisiert“ wird. Die so erzeugte Armut läßt die gewöhnlichen Einkommens– und Existenzsorgen der Lohnabhängigen schon wieder als Segen erscheinen, wenn man sich auf Schadensvergleiche versteht. Zudem tut die Intensivierung der Arbeit in der Unfallstatistik ihre Wirkung, die zur Quote von gewöhnlich Kranken hinzukommt. Und jedes Problem, das ein Betrieb mit seiner Bilanz aufgrund der „Marktlage“ mit Konkurrenz und Konjunktur bekommt, artet in eine erneute Zuständigkeit der Lohnabhängigen aus, die für das Gelingen von G – G‘ seltsamerweise immer geradezustehen haben. Dabei haben sie überhaupt nichts zu melden, weil es um die Bilanz ihres Vermögens ja gar nicht geht. Ihnen bleibt nur ein Weg, sich um sich zu kümmern: Sie müssen sich als Mittel des Gewinns bewähren, und das geht über billig, Leistung und Opfer. Das hebt ihren „Lebensstandard“, den ein marktwirtschaftlicher Demokrat nicht anders zu würdigen weiß als durch lauter Vergleiche mit früher und anderswo, weil da mit der Brauchbarkeit der mittellosen Menschheit auch deren Ernährung gleich ganz entfällt. Entrechtet ist die arbeitende Klasse bei alledem nicht. Sie darf sich sogar um die „Umwelt“ sorgen, wenn sie feststellt, dass der rücksichtslose Umgang mit der Natur zwar „Wachstum“ hervorgebracht hat, aber auch elementare Lebensmittel in Gesundheitsrisiken verwandelt…

e) Es wäre ungerecht, den kapitalistischen Industriellen vorzuwerfen, nur auf Kosten einer anderen Klasse, die über kein investierbares Vermögen verfügt, ihr Geschäft abzuwickeln. Sie eröffnen auch Gelegenheiten des Dienstes, die sich auszahlen.

Um den Handel mit ihren Produkten schwungvoll zu gestalten, treten sie die Aufgabe des flächendeckenden Verkaufs an andere ab, die sich an ihrer Stelle mit der Erforschung und Ausnützung des Marktes befassen. An der Geschwindigkeit seines Umsatzes interessiert, läßt sich der Unternehmer in seiner Eigenschaft als Anbieter von Waren gerne vertreten. Aus dem Kauf seiner Produkte und ihrem Verkauf wird ein selbständiges Geschäft, in das es sich zu investieren lohnt. Deshalb gibt es ein Handelskapital, das von der Differenz zwischen Einkaufs– und Verkaufspreis „lebt“, d.h. Gewinn macht, weil es den Industriellen Kosten erspart. Nebenbei bringt der Konkurrenzkampf um Marktanteile also eine ganze Zunft von investitionsfreudigen Kollegen hervor, stiftet ein paar interessante Berufe wie die des Vertreters und Werbefritzen, die Gott und die Welt von der preiswerten Ware überzeugen, die sie losschlagen wollen. Ganz zu schweigen von den Kleinhändlern, die ihr weniges Kapital durch ihre und ihrer Familie Arbeit vermehren. Neben ihrer ökonomischen Funktion kommt letzteren wie den Handwerksbetrieben eine nicht zu unterschätzende ideologische Bedeutung zu: an ihnen wollen problembewußte Zeitgenossen und sie selbst erkannt haben, dass Geschäft und Arbeit ungefähr ein und dasselbe sind. Dabei beweisen sie nur, dass Kapital unterhalb einer bestimmten Größe nichts Gescheites ist, weil es die Trennung von Funktion und Eigentum nicht erlaubt.

Diese Trennung ist für einen „Industriellen“ selbstverständlich – der trifft Investitionsentscheidungen und unterschreibt Verträge, die ihm seine „Abteilungen“ nahelegen und präparieren. Unter seinem Personal finden sich technische Fachleute und „Vorgesetzte“, die die Produktion organisieren und kostengünstig auslasten. So sorgen Kapitalisten für die Anreicherung der Berufshierarchie, in der Lohnabhängige ihre Konkurrenz austragen und für den Beweis gut sind, dass es auf den Gegensatz von Kapital und Arbeit nicht (mehr) ankommt, weil es ja so viel dazwischen gibt. Als ob Funktionen des Kapitals, als besserbezahlte Lohnarbeit verrichtet, das Klassenverhältnis außer Kraft setzen würden!

Wegen der Kontinuität ihrer Geschäfte, wegen ihrer Sorge um „Liquidität“ zu jedem Zeitpunkt, an dem wieder gekauft, also bezahlt werden muß, lassen sich Industrielle auch den nötigen Kredit etwas kosten. Daher lohnt sich auch das Geschäft der Geldkapitalisten, die sich mit dem zinsträchtigen Handel mit Schulden befassen. Ihr Geschäftsartikel ist Geld, das einen Preis hat – einen, den sie zahlen, weil es ihnen überlassen wird, und einen, den sie verlangen für gegebenen Kredit. Mit der arbeitenden Klasse haben diese Kollegen nur insofern etwas zu tun, als sie deren Spargroschen kapitalisieren. Ansonsten beschränken sie sich auf die Beschäftigung von Angestellten, die garantiert nichts produzieren und doch ein Gehalt beziehen, was einen Beitrag zur Widerlegung der „Arbeitswertlehre“ abgibt – wenn man es so sehen will. Einmal in Aktion, betreuen Bankiers schlicht den Kapitalmarkt. Sie sorgen dafür, dass jeder Pfennig Geld, der nicht per Versilberung von Waren aus G ein G‘ machen hilft, als Kapital fungiert, als „Geld arbeitet“. Banken sind Einrichtungen, die Ernst machen mit dem Recht des Eigentums auf seinen Zuwachs. Und wenn die Gewährung dieses Rechts in Gegensatz gerät zu den tatsächlichen Erträgen, findet Wechsel und/oder Entwertung von Eigentum statt, nie aber dessen Infragestellung. Dass die Investition von Kapital nichts mit der Besonderheit der Produktion, mit der Eigenart des Produkts zu tun hat – diesen Beweis bleiben die Banken jedenfalls nicht schuldig. Im Handel mit „Papieren“ aller Art emanzipiert sich die besitzende Klasse sehr offenkundig von der Festlegung ihres Kapitals auf irgendeine Branche des Geschäfts. Sie vergleicht Zinsen mit den Erträgen einer Fabrik, den Kurs von Aktien miteinander und mit Staatsanleihen und anderes mehr – und am Ende ist nicht nur das Vermögen der Bank „gestreut“.

f) Die guten Werke der Kapitalisten sind keineswegs damit erschöpft, dass sie sich in den Kollegen von der Handels– und Kreditfront eine Konkurrenz leisten, die schließlich dahin führt, dass ein halbwegs potenter Geschäftsmann in sämtlichen Abteilungen zu Hause ist bzw. Banken überall beteiligt sind. Kapitalisten brauchen auch nicht nur Arbeiter, sondern auch jede Menge staatlichen Engagements für ihr Geschäft.

Auch das schafft Arbeitsplätze, von denen dann niemand mehr so recht weiß, ob ihre Besitzer nun zum Kapital oder zum Proletariat gehören. Während freiheitlich denkende Menschen mit der Wahrnehmung, dass einige Charaktere der bürgerlichen Gesellschaft weder noch sind, gleich den Gedanken verbinden, dass die Geschichte mit den Klassen allemal zu undifferenziert sei, sind Linke eine Zeitlang mit zwei Fehlern hervorgetreten. Der erste bestand darin, eine Zuordnung zu versuchen, wo nichts zuzuordnen ist. Der zweite leistete sich eine Verwechslung – die von ökonomischer Rolle bzw. Lage mit dem politischen Willen von sozialen Charakteren. Auf diese Weise kamen so absurde Debatten zustande wie die über die produktive und unproduktive Arbeit, in der bisweilen streng moralisch über die Revolutionstüchtigkeit von Berufszweigen und Kleinbürgern gerechtet wurde. Inzwischen sind die Teilnehmer dieser Debatten in Amt und Würden, auch bei den Grünen oder Frauen, und sie haben ihr Desinteresse an einer Revolution längst eingestanden. Das kommt allerdings nicht von ihren Arbeitsplätzen. Deren Verhältnis zu Kapital und Arbeit ist so schwer nämlich nicht zu durchschauen:

Ausbildung ist organisiert als Auslese – und entsprechend sieht sie aus. Der Bedarf an Naturwissenschaft und Technologie gehorcht den Konkurrenzinteressen des Kapitals, das erst in der Phase der Machbarkeit ein Geschäft aus der Wissenschaft zu machen weiß. Ideologische Betreuung der gebeutelten Menschheit tut immer not – die staatliche Pflege des entsprechenden Geistes in Forschung und Lehre findet statt. Kurz: Die Skala der Berufe in Universität und Schule steht in einem eindeutigen Verhältnis zu den Klassen, und zwar ganz ohne ökonomische Zuordnung. Dass sich da gewöhnlich Arbeit nicht gegen Kapital, sondern gegen staatliche Revenue tauscht, ist längst gesagt. Und dass aus der Not der Versicherung die Tugend eines Geschäftszweigs wird, ist auch nicht erstaunlich. Dasselbe gilt für den Ärztestand und andere Volksbetreuer. Als Faustregel empfehlen wir hier: je Verantwortung, desto klassenbetreuerischer!

Zum zweiten Teil „Die Klassen II: Grundeigentümer“