Marx-Lesekreise bundesweit — ergänzende Texte und Vorträge

Produktivkraftsteigerung als Mittel der Rentabilität

Auszug aus dem Artikel Viele Probleme, große Projekte, eine Strategie: Die Nation senkt ihr Lohnniveau über das rot-grüne „Bündnis für Arbeit“, erschienen in GegenStandpunkt 4-99. Zum vollen Artikel.

Das Kapital erbringt die ihm gemäße absurde Glanzleistung: Es steigert die Produktivität der Arbeit, bloß um sie als Mittel gesteigerter Rentabilität einzusetzen, und lässt die Arbeiter mit zunehmender Verelendung den Preis dafür zahlen, dass folglich immer weniger Arbeit seinem Anspruch auf Rentabilität genügt. Im „Bündnis für Arbeit“ organisiert die Sozialdemokratie an der Macht die systemgemäße Antwort auf die Folgen dieser Verrücktheit: Weil die Wirtschaft immer weniger Arbeit für ihr Wachstum braucht und bezahlt, wird die Arbeit schlechter entgolten und an den Überflüssigen gespart. So führt die rotgrüne Herrschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts den groß angelegten Beweis, wie richtig Marx vor 150 Jahren mit seinen kritischen Notizen zur Arbeitszeit als Maß des kapitalistischen Reichtums gelegen hat.

Das „Bündnis für Arbeit“ erzielt seine Fortschritte im Streit der Beteiligten. Deren dauernde Auseinandersetzungen geben Anlass zu viel öffentlicher Sorge um die Haltbarkeit der Veranstaltung. Über den heuchlerischen Charakter dieser Sorge, die, wenn immer sie geäußert wird, darauf abzielt, eine der drei Parteien mit ihren Vorschlägen oder ihrer „Verweigerungshaltung“ ins Unrecht zu setzen, lässt dieselbe Öffentlichkeit keinen Zweifel aufkommen. Am jeweiligen Gegner wird er immer leicht entlarvt. Den engagierten bis polemischen Betrachtungen darüber, wer dem Gemeinschaftswerk mal wieder am meisten schadet, liegt dennoch die eine Besorgnis zugrunde: ob sich das gute Verhältnis zwischen Staat, Kapital und Arbeit angesichts der großen Arbeitsmarktmisere nicht doch einmal in Feindschaft verirrt und das Gemeinwesen entzweit. Denn selbst wenn niemandem ein neuer Klassenkampf vor Augen steht: Das darf nicht passieren, dass die solidarische Kraftanstrengung der drei gesellschaftlich maßgeblichen Instanzen in ein Zerwürfnis ausartet und mindestens das „Konsensmodell“ des bundesdeutschen Kapitalismus, äußerstenfalls jedoch der soziale Frieden Schaden nimmt.

Diese Sorge um die Haltbarkeit des „Bündnisses“ ist identisch mit der Befürwortung der sozialen Sache, die da auf den Weg gebracht wird – schließlich geht es in einem „Bündnis für Arbeit, Wettbewerbsfähigkeit und Ausbildung“ nie und nimmer um mehr Gemütlichkeit für alle, sondern um die von den Beteiligten als unerlässlich eingesehene und vorausgesetzte Absenkung des nationalen Lohnniveaus. Die Schritte, die dahin führen sollen, werden kritisch auf ihre Zweckmäßigkeit begutachtet, was den Zweck außer Frage stellt und auf Basis dieser Übereinstimmung schon wieder zu gründlichen Meinungsverschiedenheiten Anlass gibt. Die Öffentlichkeit ist also heftig mit Einsparvorschlägen beschäftigt – und bringt darüber noch eine weitere Ersparnis zustande: Sie erspart sich jeden Blick auf den Skandal, den das marktwirtschaftliche Gemeinwesen seinen Insassen da serviert. Den buchstabieren wir deshalb noch einmal langsam durch – und erläutern bei der Gelegenheit eine genau einschlägige, freilich oft und gerne falsch verstandene Überlegung, die der Genosse Marx schon vor fast 150 Jahren angestellt und in Heft VII seiner ‚Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie‘ für seinen Hausgebrauch notiert hat (vgl. S.592 ff.).

(1) Seit das Kapital Wissenschaft und Technik in die Arbeitswelt einführt, bringt immer weniger Arbeit immer mehr Reichtum zustande; „die Schöpfung des wirklichen Reichtums (wird) abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder … in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie.“ „Der wirkliche Reichtum manifestiert sich … im ungeheuren Missverhältnis zwischen der auf eine reine Abstraktion reduzierten Arbeit und der Gewalt des Produktionsprozesses, den sie bewacht.“ Es gilt also auch umgekehrt: Bei wachsender Fülle nützlicher Güter muss immer weniger Zeit aufs Arbeiten verschwendet werden. Die so erlangte freie Zeit ist ihrerseits ein gutes Maß für den Wohlstand einer Gesellschaft: „‚Wahrhaft reich eine Nation, wenn statt 12 Stunden 6 gearbeitet werden. Wealth ist … disposable time außer der in der unmittelbaren Produktion gebrauchten für jedes Individuum und die ganze Gesellschaft.‘“

(2) Doch so einfach ist es nicht, wenn das Kapital die Arbeit einteilt. Dass weniger Arbeit mehr Reichtum schafft, ist tatsächlich kein Segen. Die freie Zeit, die die Gesellschaft sich verschafft, läuft – außer als müßige ‚bessere Gesellschaft‘, als ‚Kunst und Wissenschaft‘ sowie in Gestalt einer Unmenge absurder bis luxuriöser Dienstleistungen – als Masse von Arbeitslosen herum, die vom geschaffenen Reichtum überhaupt ausgeschlossen sind; welcher eben gar kein allgemeiner, d.h. der Allgemeinheit verfügbarer Reichtum ist. Umgekehrt haben die, die „den Produktionsprozess bewachen“, weder mehr „disposable time“ für sich, noch verfügen sie über größere Anteile am produzierten Reichtum: Nach wie vor geht deren Lebenszeit dafür drauf, fürs Notwendige zu arbeiten – und sich anschließend für ihre Erwerbstätigkeit wiederherzustellen. „Die entwickeltste Maschinerie zwingt den Arbeiter daher jetzt länger zu arbeiten als der Wilde tut oder als er selbst mit den einfachsten, rohsten Werkzeugen tat“ – was, versteht sich, nicht an der Maschinerie als solcher liegt, sondern an den ökonomischen Interessen, die vermittels der Maschinerie die Arbeit so verrückt einrichten, deswegen waren auch Klassenkämpfe und staatliche Interventionen nötig, um der Verlängerung des Arbeitstages irgendwo eine Grenze zu ziehen, und muss noch heute um jede Minute Freizeit gestritten werden. Mit ihren enormen technischen Mitteln bringt die Marktwirtschaft somit einen Fortschritt zustande, der nicht Arbeitsmühen, sondern Arbeiter überflüssig macht. Die einen kriegen das in Form von Überlebensnöten zu spüren, die andern in dem Zwang, sich ziemlich vollständig an ihren Arbeitgeber wegzuschmeißen, um bloß das Lebensnotwendige zu verdienen – und das, wo doch schon ganz wenig Arbeitszeit und -aufwand reicht, um enorm viele Gebrauchsgüter zu schaffen.

(3) Um Gebrauchswerte für alle bei geringstem gesellschaftlichem und individuellem Aufwand: um allgemeinen Reichtum in dem Sinn geht es also nicht. Sondern um einen ganz speziellen Reichtum, der sich seiner gesellschaftlichen Natur nach dadurch auszeichnet, gerade nicht allgemein verfügbar, sondern privates Eigentum in wenigen Händen zu sein, und der als solches Eigentum nicht einfach aus der immer flotteren und leichteren Arbeit hervorgeht, sondern deren verrückter Einrichtung entspringt: Marktwirtschaftlicher Reichtum im eigentlichen Sinn – Kapital – entsteht aus und hat sein Maß in der Differenz zwischen dem bisschen Arbeitszeit, in dem der Arbeiter den Gegenwert dessen produziert, was er an Salär bekommt, und der langen Arbeitszeit, die er tätig sein muss, um vom Eigentümer der Produktionsstätte sein bisschen Salär zu bekommen. Eigentum, anders ausgedrückt, entsteht und vermehrt sich nicht einfach mit der Masse nützlicher Produkte, sondern erwächst aus dem Überschuss des Geldwerts der Güter, die der Arbeiter in seiner langen normalen Arbeitszeit herstellt, über das Sümmchen, das er sich erst mit dieser Arbeitszeit verdient.

(4) Quelle des marktwirtschaftlichen Reichtums und sein eigentlicher Inhalt, folglich der bestimmende Zweck aller Produktion in diesem System ist also Surplus-Arbeitszeit respektive deren in Waren vergegenständlichtes, im Verkauf als Geld zu „realisierendes“ Resultat, das mit dem Recht des Eigentums an allen Produktionsfaktoren dem „Arbeitgeber“ gehört. „Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch, dass es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren“ sucht, „während es andererseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der notwendigen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen“ – „überflüssig“ in der mehrfachen Bedeutung, dass sie für den Arbeiter nutzlos ist; dass sie, ginge es um allgemeinen Reichtum, Überfluss schafft; und dass sie den dem Kapital zustehenden Überschuss zustandebringt, um den es überhaupt bloß geht. Das Kapital „setzt daher die überflüssige in wachsendem Maß als Bedingung … für die notwendige“ Arbeit, lässt den unerlässlichen Arbeitseinsatz für die Lebensbedürfnisse der arbeitenden Menschheit selber nur zu, sofern er sich eben als Mittel seines Überschusses bewährt. „Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichtums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit“ – das aber nur, weil das Kapital sein ewiges Ärgernis loswerden will, von dem Seinen an die Klasse der Nicht-Eigentümer, deren Arbeit es braucht, Lohn wegzahlen zu müssen. „Nach der anderen Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Wert als Wert zu erhalten“ – nämlich eben in die quantitativ sehr weiten, ihrer Logik nach indessen so absurd engen Schranken der Vergrößerung nicht von Reichtum durch Arbeit, sondern des Eigentums durch Surplusarbeit. Und es will das nicht bloß: „Die Produktivkräfte und gesellschaftlichen Beziehungen – beides verschiedene Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums – erscheinen dem Kapital nur als Mittel, und sind für es nur Mittel, um von seiner bornierten Grundlage aus zu produzieren.“

(5) Der marktwirtschaftlichen Bestimmung des Reichtums als in Geld gemessenes Eigentum, das aus Surplus-Arbeitszeit entsteht, entspricht eine Sorte Armut, die nichts mit noch nicht überwundenem Mangel zu tun hat. Sie fällt zusammen mit der Bestimmung des Arbeiters, als Lieferant von Surplusarbeit zu fungieren, und hat ihr Maß in dem Minimum an Arbeitszeit für den eigenen Lebensunterhalt, das nötig ist, um ein Maximum an produktiver Tätigkeit für die Vermehrung des kapitalistischen Eigentums aus ihm herauszuholen. „Die Arbeitszeit als Maß des Reichtums setzt den Reichtum selbst als auf der Armut begründet und die disposable time als existierend im und durch den Gegensatz zur Surplusarbeitszeit oder Setzen der ganzen Zeit eines Individuums als Arbeitszeit und Degradation desselben daher zum bloßen Arbeiter, Subsumtion unter die Arbeit.“ Und diese „Degradation“ hat sogar noch eine Kehrseite, die zutage tritt, sobald die Bereicherung der Kapitaleigentümer durch Aneignung der „überflüssigen“ Arbeitszeit ihrer Angestellten einmal nicht mehr problemlos funktioniert. Die Kombination von Verrücktheit und Gemeinheit bei der Einrichtung der gesellschaftlichen Arbeit geht in dieser Produktionsweise nämlich so weit, dass das Kapital mit der Verminderung der notwendigen Arbeitszeit die Surplusarbeit zwar ausdehnt und damit sein Wachstum beschleunigt, dabei aber immer wieder über sein Ziel hinausschießt, tatsächlich mehr Arbeit überflüssig macht, als es für seinen Überfluss, als Surplusarbeit eben, gebrauchen kann – und dieses hochgradig paradoxe Dilemma lässt es an seinen Arbeitskräften aus, indem es die für überflüssig erklärt: Das Kapital vermehrt „die Surplusarbeitszeit der Masse durch alle Mittel der Kunst und Wissenschaft …, weil sein Reichtum direkt in der Aneignung von Surplusarbeitszeit besteht; da sein Zweck direkt der Wert, nicht der Gebrauchswert. Es ist so, malgré lui, instrumental in creating the means of social disposable time, um die Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft auf ein fallendes Minimum zu reduzieren, und so die Zeit aller frei für ihre eigene Entwicklung zu machen. Seine Tendenz aber immer, einerseits disposable time zu schaffen, andrerseits to convert it into surplus labour. Gelingt ihm das erstre zu gut, so leidet es an Surplusproduktion und dann wird die notwendige Arbeit“, von der die Arbeiter immerhin leben, „unterbrochen, weil keine surplus labour vom Kapital verwertet werden kann.“ Im Interesse seiner immer flotteren Vermehrung durch immer mehr Surplusarbeit setzt das Kapital immer wieder zu viel Surplusarbeit in Gang; es wird seine Produkte nicht los und reagiert darauf, indem es die Arbeit insgesamt einschränkt oder sogar einstellt. Brächte es damit nur seine eigene Quelle zum Versiegen, könnte man diesen Widerspruch getrost den Kapitalisten selber überlassen. Ausbaden müssen ihn aber die Arbeiter: Die müssen es mit schlagartiger Verelendung bezahlen, wenn das Kapital es mit der Steigerung seines Bereicherungsmittels, der Produktivität der Arbeit, wieder mal – was es wirklich nur in diesem System gibt! – zu weit getrieben hat; die büssen mit – inzwischen weltweiter – massenhafter Dauerarbeitslosigkeit dafür, dass das Kapital seinen Widerspruch immer weiter entwickelt.

(6) Marx hat gemeint, diese Absurdität wäre nicht bloß im Kopf nicht auszuhalten, sondern müsste unweigerlich die „bornierte Grundlage“ der kapitalistischen Produktionsweise „in die Luft sprengen“: „Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form“, wo sich nämlich die menschliche Arbeitskraft ohne große Hilfsmittel daran abarbeitet, der Natur Lebensmittel abzuringen, „aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muss aufhören die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert (das Maß) des Gebrauchswerts.“ Beeindruckt durch die grandiose Verkehrtheit einer ganzen Produktionsweise, vergreift er sich sogar in Tempus und Modus: „Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein… Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhende Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produktionsprozess erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift. Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordene Zeit und geschaffnen Mittel entspricht.“ Und noch ein hoffnungsvoller Ausblick: „Je mehr dieser Widerspruch sich entwickelt,“ dass nämlich die Steigerung der Produktivität der Arbeit in Konflikt gerät mit dem Bereicherungszweck, den das Kapital damit verfolgt, und die Arbeiter auch noch darunter zu leiden haben, „umso mehr stellt sich heraus, dass das Wachstum der Produktivkräfte nicht mehr gebannt sein kann an die Aneignung fremder surplus labour, sondern die Arbeitermasse selbst ihre Surplusarbeit sich aneignen muss. Hat sie das getan, – und hört damit die disposable time auf, gegensätzliche Existenz zu haben – so wird einerseits die notwendige Arbeitszeit ihr Maß an den Bedürfnissen des gesellschaftlichen Individuums haben, andrerseits die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft so rasch wachsen, dass, obgleich nun auf den Reichtum aller die Produktion berechnet ist, die disposable time aller wächst. Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des Reichtums.“ Das alles hat sich noch nicht so ganz herausgestellt. Den Grund hat allerdings nicht der alte Autor zu verantworten; der hat das Seine getan, den Betroffenen den „prozessierenden Widerspruch“ klarzumachen, dem die Arbeiter in der Marktwirtschaft zu ihrem Schaden als funktionelles Anhängsel subsumiert sind. Schließlich ist es nicht ganz von selbst dabei geblieben, dass der gesellschaftliche Reichtum als kapitalistische Aneignung von Surplusarbeit und eben nicht als verfügbarer Wohlstand und Freizeit für alle existiert. Auch und gerade Zeitgenossen einer Veranstaltung wie des „Bündnisses für Arbeit“ können kaum übersehen, dass ein total durchgesetzter politischer Gewaltmonopolist für die Stabilität dieses absurden Systems einsteht. Die Staatsmacht hält gnadenlos daran fest, dass „die Surplusarbeit der Masse“ die „Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums“, sogar ihres eigenen, ist und bleibt. Sie sorgt dafür, dass die Massen gar nicht erst auf die Idee kommen, geschweige denn Gelegenheit finden, „selbst ihre Surplusarbeit anzueignen“, selbst wenn sie durch die Fortschritte des Kapitals immer wieder aus allen Lebensverhältnissen herausgeworfen werden, in denen sie gemeint haben sich einrichten zu können.

(7) Einen wichtigen Beitrag zu dieser demokratisch-kapitalistischen Herrschaftsaufgabe liefert die rotgrüne Regierung mit ihrem „Bündnis“. Sie widmet sich der Glanzleistung ihrer Marktwirtschaft, die wieder einmal und sehr dauerhaft weit mehr gesellschaftliche „disposable time“ schafft, als die Macher, die den Nutzen daraus in Gestalt von „surplus labour“ monopolisieren, weiter nutzbar zu machen vermögen, und die diesen Widerspruch systematisch an den benutzten Leuten auslässt, von denen sie die einen für überflüssig erklärt und entsprechend verelendet und die andern verschärft hernimmt und schlechter bezahlt. Die Schröder-Mannschaft greift hier ein und unternimmt den denkwürdigen Versuch, die von ihr als gemeinwohlschädlich erkannten Wirkungen dieser Misere dadurch in den Griff zu kriegen, dass sie die Misere selbst planmäßig eskaliert: Der allgemeinen Verarmung durch Arbeitslosigkeit infolge des „prozessierenden Widerspruchs“ kapitalistischer Bereicherung will sie den schädlichen Stachel ziehen, indem sie quasi vorauseilend mit ihren administrativen Mitteln eine noch allgemeinere Verarmung als Anreiz zu neu auflebender kapitalistischer Bereicherung herbeiorganisiert. Eine bündnispartnerschaftlich ausgemachte Verbilligung der Arbeit – Verschärfung des Gegensatzes zwischen „disposable time“ und „surplus labour“ – soll die negativen Folgen ihrer Verbilligung durch Produktivitätssteigerung – die mittlerweile für viele Arbeitskräfte chronische „Unterbrechung der notwendigen Arbeit“, weil und soweit sie als Mittel der Surplusarbeit nicht mehr taugt – kompensieren. Dabei scheuen die regierenden Sozialdemokraten nicht einmal vor dem Kunstgriff zurück, mit dem Geld der Allgemeinheit Billigarbeit lohnend zu machen, also findigen Unternehmern Gewinne zu spendieren, bloß damit für einen Haufen Arbeitsloser der Zwang, fürs Notwendige auch wirklich zu arbeiten, wieder wirksam werden kann. Selbst wo sie als Lieferanten von Surplusarbeit gar nicht gefragt sind, sollen Arbeiter der Not gehorchen müssen und genügen können, dass es für sie freie Zeit und Anteil am Reichtum nur dann gibt, wenn sie „unter die Arbeit subsumiert“ sind, und nur in dem Umfang, wie es das vom Kapital hergestellte herrschende Verhältnis zwischen „notwendiger“ und „überflüssiger“ Arbeit vorgibt. So arrangiert das „Bündnis für Arbeit“ absichtlich und mit politischem Willen und Bewusstsein, was das Kapital mit der Verwandlung jedes Produktivitätsfortschritts in mehr Surplusarbeit und Lohneinsparung auf seine sachzwanghafte Art sowieso laufend betreibt: Es macht den Lohn, also die Lohnarbeiter der Nation dafür haftbar, dass immer weniger Arbeit noch rentabel ist.