Marx-Lesekreise bundesweit — ergänzende Texte und Vorträge

Marktwirtschaft – was ist das?

Über die Marktwirtschaft weiß jeder das Nötige: Sie hat auf der ganzen Linie gesiegt; ihre Anhänger triumphieren, ihre einstigen Gegner bemühen sich um Nachahmung. Deswegen darf man mittlerweile wieder ganz unbefangen Kapitalismus dazu sagen. Dieser Name war lange Zeit verpönt und wurde – in Deutschland mehr als in den angelsächsischen Ländern – von Wissenschaft, Politik und Publizistik vermieden. Obwohl alle ganz unideologisch vom Kapital redeten, von dem alles abhängt, das wachsen und kommen muss, das manchmal aber flieht und dann dringend zurückgebeten werden muss, das sich bei uns aber Gott-sei-dank zu Hause weiß, galt der Name Kapitalismus als Bekenntnis zu einer kritischen Einstellung gegen diese Wirtschaftsweise. Das kam daher, dass Marx vor 100 Jahren die Brutalität dieses ökonomischen Systems auf die eigentümlichen Sachgesetze des Kapitalwachstums zurückgeführt und den Betroffenen die Änderung des ganzen Ladens nahegelegt hat.

Tatsächlich hat sich dann, unter Berufung auf Marx, ein ganzer Block von Staaten etabliert, deren führende Parteien eine politische Ökonomie ohne die kapitalistischen Härten einrichten wollten, und damit eine Systemkonkurrenz eröffneten, in der das Etikett „Kapitalismus“ einen polemischen Klang hatte. Aus der Existenz dieser Alternative, die für sich soziale Vorzüge in Anspruch nahm, erwuchs dem Kapitalismus ein Rechtfertigungsbedarf: Vor höheren Maßstäben als dem Reichtum seiner Reichen musste und sollte er sich als die bessere Art des Wirtschaftens überhaupt darstellen.

Der Name „Marktwirtschaft“ stand für dieses Programm der ideologischen Anpreisung, nämlich so: Man sollte schon in der Namensgebung darauf verzichten, das bei uns übliche Produzieren und Verkaufen nach dem es bestimmenden Zweck zu charakterisieren, wie man das bei der Betrachtung früherer Produktionsweisen heute noch richtig findet: „Subsistenzwirtschaft“ und „Merkantilsystem“ sind modernen Wirtschaftswissenschaftlern keine Unbekannten. Auch die Stellung, die ein System den Produzenten zuweist, und die Interessensgegensätze, die daraus hervorgehen, fand man bei historischen Formen bezeichnend, man spricht von „Sklavenwirtschaft“ und der „feudalen Produktionsweise“. Unsere Wirtschaft soll sich dagegen durch eine Ordnungsidee von anderen unterscheiden, durch eine Verkehrsform, die in ihr üblich ist und ihren Erfolg verbürgt. Die real existierende Marktwirtschaft kennt keinen allgemeinen Produktionszweck, sondern will als Methode, eine arbeitsteilige Wirtschaft zu organisieren, aufgefasst werden. Die Betrachtung der westlichen Wirtschaft als Technik ihres eigenen Erfolgs, als Steuerungsmechanismus für Wirtschaftsprozesse verschweigt nichts, wenn sie Ware und Geld, Lohn, Preis und Profit als Lenkungsmittel des wohlgemerkt auf sie zielenden Wirtschaftens „versteht“. Sie tut nur eben dies!

Diese Veränderung der Optik hatte durchschlagenden ideologischen Erfolg: Den Kapitalismus nicht nach seinen hässlichen Eigenschaften, sondern nach einer vermeintlichen Funktionsweise als funktionierenden zu charakterisieren, hat zuletzt sogar bei seinen ehemaligen linken Gegnern den Irrtum geschürt, die Rede sei von einer erfolgreichen Wirtschaftsmethode, die doch irgendwie allgemeiner und für beliebige andere Ziele anwendbar sei, als bloß für die missbilligte kapitalistische Ausbeutung. Jetzt sind sie die letzten Verfechter der kapitalistischen Legitimationsidee: Marktwirtschaft wollen sie alle, Kapitalismus soll das nicht sein.

Derweil sind die Ideologen des Kapitalismus naturgemäß einen Schritt weiter. Seit ihre alten Gegner selber keinen Sozialismus mehr, nur noch Marktwirtschaft mit der kleingedruckten Fußnote „nicht die kapitalistische“ wollen, bestehen sie offensiv darauf, dass Marktwirtschaft kapitalistisch oder gar nicht geht. Damit widerrufen sie freilich nicht die alte Lüge, Geldmachen wäre eine unschlagbare gesellschaftliche Ordnungsidee – sie melden bloß für ihren Laden das Monopol auf diese Lüge an.

Deswegen lohnt es sich noch immer, das Rechtfertigungsetikett von gestern zu kritisieren. Denn es gibt nach wie vor die Grundüberzeugung des falschen Bewusstseins an, dem nun nicht einmal mehr durch realsozialistische. Gegenideologen mit einer Weltmacht im Rücken widersprochen wird.

Was der Markt alles leisten soll

Seit der Einführung der Rede von der Marktwirtschaft konkurrieren nicht mehr Kapitalismus und Sozialismus, zwei feindliche ökonomische Zielsetzungen, sondern die Markt– mit der Planwirtschaft, alternative Methoden desselben: der Organisation einer arbeitsteiligen Gesellschaft; eine Aufgabe, die demnach auf zweierlei Art gelöst werden kann. Welche von beiden die darin stillschweigend unterstellte Zielsetzung, die Versorgung der Bevölkerung mit Gütern, besser zu lösen vermöchte, sollte bei dieser scheinbar unideologischen und unvoreingenommenen Betrachtungsweise der feindlichen Systeme geprüft werden können.

Soweit jedenfalls die Selbsteinschätzung der westlichen Volkswirtschaftslehre.

Markt oder Plan?

Tatsächlich ist dieser Systemvergleich grundverkehrt; er fördert keine einzige (löbliche oder kritikwürdige) Eigenschaft weder der einen noch der anderen Produktionsweise zu Tage: ihm fehlt, was die Logik von Vergleichen wenigstens verlangt, die Gemeinsamkeit, an der sich die Vergleichsobjekte unterscheiden könnten. Welche Wirtschaftsordnung, so die ausdrückliche Fassung dieses Vergleichs, schafft es besser, die Bedürfnisse der Menschen zu ermitteln und zu befriedigen, diejenige, die sich dies bewusst vornimmt, oder die andere, die dieses gar nicht erst versucht: Die paradoxe Lehre des Systemvergleichs, dessen Sieger ja trotz der scheinbaren Offenheit des Prüfverfahrens von vornherein feststeht, lautet, dass die Planwirtschaft bei einem Geschäft – der Ermittlung und Befriedigung der Bedürfnisse – scheitert, das die Marktwirtschaft gar nicht betreibt. Umgekehrt soll die Marktwirtschaft, die dafür gelobt wird, dass in ihr kein Mensch wissen braucht, was wann wo und in welcher Quantität gebraucht wird, gerade dies erfolgreich bewerkstelligen.

„Die Wettbewerbsordnung ist ein kunstvoller Mechanismus, der mit Hilfe eines Gefüges von Märkten und Preisen unbeabsichtigt kombiniert und das Wissen und die Handlungen von Millionen verschiedener Wirtschaftssubjekte koordiniert. Ohne ein denkendes und lenkendes Zentralgehirn löst diese Wirtschaftsordnung eines der schwierigsten Rechenexempel: Ein System, das mehrere Tausende unbekannter Variablen und Gleichungen umfasst.“ (Samuelson, Volkswirtschaftslehre 1, S.13)

Der Markt ist der bessere Plan, ohne Plan. Der große Ökonom teilt uns hier einerseits mit, dass auch er anders als durch eine Metapher mit dem bewussten Produzieren für gewusste und gewollte Bedürfnisse eine Vorstellung von rationaler Wirtschaft nicht ausprägen kann. Andererseits weiht er uns in das Mysterium seiner Disziplin ein – ohne Wissen und ohne einen allgemeinen Willen soll das Resultat eines solchen sogar noch besser zu haben sein: Wenn sich die „Wirtschaftssubjekte“ um nichts als Käufer für ihr Angebot kümmern und von Bedürfnissen nichts wissen, weil sie keine anderen als die kaufkräftigen anerkennen; wenn die Käufer sehen müssen, was sie mit ihrer beschränkten Kaufkraft für ihre Bedürfnisse im bezahlbaren Angebot finden; wenn also weder auf der einen, noch auf der anderen Seite die Bedürfnisse bestimmend in Produktion oder Kauf eingehen, dann soll die jedem Plan überlegene Koordination von Produktion und Bedürfnis zustande gekommen sein.

Aber nicht nur für die Seite des Marktes ist die Gemeinsamkeit mit der Planwirtschaft fiktiv, auch diese kennt die behauptete gemeinsame Aufgabe einer Koordination von Bedürfnis und Produktion nicht. Freilich ginge es erst in ihr mit einer Produktion fürs Bedürfnis los, aber gerade deshalb stünde eine Ko-ordination selbständiger Größen nicht an: Die Produktion würde eingerichtet für nichts als für die Herstellung der gewünschten Produkte. Das Problem, wie eine autonome und von der Bedarfsdeckung unabhängige Produktion auf den Bedarf zu beziehen wäre, sowie umgekehrt dieser den Erfordernissen und Möglichkeiten der Produktion angepasst werden könnte, d.h. das Problem der prinzipiellen Ungleichung beider Seiten existiert in der Planwirtschaft nicht, muss von ihr also auch gar nicht gelöst werden. Weder Markt noch Plan kennen praktisch diese ideologisch konstruierte Aufgabe, die ihre Herkunft aus einem Funktionsideal des Kapitalismus allerdings schon noch erkennen lässt: Dass die Produktion eigenständige und von der Bedarfsdeckung völlig unterschiedliche Ziele hat, muss man nämlich schon für normal halten, wenn man es dem Markt danken soll, dass die Launen der Nachfrage den Produzenten wenigstens nachträglich zwingen, Angebote ans Bedürfnis zu machen. Näher kennt das Lob des Marktes zwei Koordinationsleistungen, bei denen der Markt dem Plan, der das gar nicht tut, überlegen sein soll. Beide kommen einem Geständnis gleich: Sie loben ein vom Markt bewirktes Zusammenzwingen von Bedürfnis und Produktion, das einmal auf Kosten des Bedürfnisses, das andere Mal auf Kosten des Produzenten geht. Da wird also eingeräumt, dass das Produzieren nicht zwecks Bedürfnisbefriedigung stattfindet, wenn gleichzeitig am Gegenteil festgehalten wird: „Letztlich „ soll der Markt den Bedürfnissen doch gut bekommen.

a) Geplante Bedürfnisse oder freie Konsumwahl?

Als das eine Element der „Koordination“ wird der Planwirtschaft zugutegehalten/vorgeworfen, sie plane die Bedürfnisse, sie entscheide damit über die Köpfe der Menschen hinweg, die selber am besten wüssten, was gut für sie sei, sie diktiere eine Bedürfnisstruktur, von der im Vorhinein niemand wissen könne, ob sie den wirklichen Bedürfnissen der Bürger entspreche.

Tatsächlich sind die Bedürfnisse gar nicht Objekt eines Wirtschaftsplans; es geht nicht um ihre Scheidung in gültige und zurückzuweisende. Das Niveau von Bedürfnissen findet man überall vor, es zu ermitteln ist keine Schwierigkeit. Objekt des Plans ist dagegen die Produktion, deren arbeitsteilige Organisation, ihr stufenförmiger Aufbau vom Grundstoff bis zum Fertigprodukt, sowie die Größenverhältnisse der dafür gebrauchten Abteilungen. Schließlich soll die Planung der Produktion die Erweiterung und Kultivierung der Bedürfnisse aus wachsenden Mitteln ermöglichen. Die Frage nach den wirklich wirklichen Bedürfnissen, und danach, wer denn nun entscheiden dürfe, was produziert werde – und was nicht, ist nur die unehrliche, verwandelte Form der Frage nach der Art der Beschränkung der Bedürfnisse. Wenn weder das vorgefundene Niveau des Lebensstandards, noch Wunschlisten gelten sollen „um die letztenendes gültigen Bedürfnisse auszuzeichnen, dann geht es um den Verzicht und die Organisation des Zwangs dazu. Ausgestattet mit der Sicherheit, dass die Bedürfnisse sowieso und in jeder Produktion der Welt deren Möglichkeiten übersteigen, wird der Vorzug des Geldes entdeckt: Mit ihm ausgestattet darf der Konsument am Maßstab dessen, wieweit seine Geldsumme reicht, selbst entscheiden, was er unbedingt haben, bzw. und richtiger, worauf er eben verzichten muss. Dass es bei einer geplanten Produktion um etwas anderes als die unfreie Variante der in der Marktwirtschaft selbstverständlichen, aber freiheitlichen Nichtbefriedigung gehen könnte, können sich die Systemvergleicher nicht vorstellen; ebensowenig dass ihr Lob der Wahlfreiheit als besseres Mittel für den Verzicht, vielleicht ein schlechtes Licht auf diese Errungenschaft werfen könnte.

b) Kommandowirtschaft oder der „stumme Zwang der Verhältnisse“?

Auch der zweite Vorzug des Marktes bezieht sich erklärtermaßen auf einen Zwang: Nicht den Zwang gegen den Konsumenten, seine Bescheidung zur Sache der eigenen Wahl zu machen, sondern nun auf den Zwang gegen den Produzenten, dem Markt wirklich das Nachgefragte zu liefern: Im Unterschied zum „starren, für einen Zeitraum festgelegten Plan „ „reagiert der Markt flexibel“ auf jede Änderung der Nachfrage, der Kaufkraft, der Kostensituation etc. Der Markt bestraft nämlich jedes Vorbeiproduzieren an ihm prompt und streng. Im Vergleich zu diesem gelungenen Zwang zum Dienst erscheint die als undemokratisch ja diktatorisch verurteilte Planwirtschaft ungleich weniger nötigend. Und das spricht auch wieder nicht für ihren Liberalismus, sondern gegen sie: Ausgerechnet die allmächtige Planbehörde der Kommandowirtschaft wird an diesem Maßstab als ohnmächtig und wenig durchsetzungsfähig gegenüber einem trägen Produktionsapparat entdeckt, während der demokratische Markt den unwidersprechlichen Zwang auf die widerstrebenden Produzenten ausübt, wirklich den Markt zu bedienen.

Warum die Mitglieder einer arbeitsteiligen Produktion zur Teilnahme an dieser, ihnen angeblich so nützlichen Arbeitsorganisation überhaupt erst gezwungen werden müssen, bzw. warum sie ein Interesse daran hätten, sich der Produktion für den Markt zu entziehen, interessiert überhaupt nicht; dass der Markt dieses erfolgreich verhindert, ist das ganze Lob. Er sei, so die Vorstellung, eine geglückte Verknüpfung von Zwang zum Dienst und Eigeninteresse – eine sehr lobende Beschreibung, die auf jede Erpressung zutrifft: Stets beugt sich der Erpresste nur „zum eigenen Besten“.

Dass der Markt seine Teilnehmer so herrlich effizient zwingt, freut seine Anhänger so sehr, dass sie gar nicht weiter wissen wollen, wozu er nun zwingt, wenn er Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen lässt. Freilich wird der Zwang den der Markt auf den Produzenten ausübt, gerne mit allerlei Vorteilen für den Konsumenten bebildert, von denen jedoch keiner stimmt– Der Markt verlange gebieterisch Qualität, bedarfsgerechte Warensortimente und moderne Produkte, heißt es. Tatsächlich verlangt er nur, dass das Angebot zum Markt passt, und das heißt, dass massig Bedarf ungedeckt bleibt, wenn dieser nicht zahlen kann, und dass der gestrenge Markt Schund gerne gelten lässt, ja als nachfragegerechte, gewinnbringende Ware heiligt, wenn nur die Armut der Kundschaft danach ist.

Das Lob des Marktes im ach so neutralen Vergleich mit der Planwirtschaft verrät, dass von einer besonderen Form von Arbeitsteilung die Rede ist, in der sich keineswegs die Mitglieder einer Gesellschaft die Arbeit teilen, in der es für den Teilarbeiter nicht automatisch nützlich ist, seinen Beitrag zu leisten, in der, mit anderen Worten, der Gesamterfolg nicht identisch ist weder mit den Absichten noch mit dem Vorteil der Mitglieder dieser Gesamtproduktion. Der Gegensatz und Widersinn dieser Arbeitsteilung übersetzt sich den Bewunderern des Marktes in ein widersinniges Bild vom Menschen oder in das Bild eines widersinnigen Menschen: „Der Mensch schlechthin.“ soll so wenig weitblickend und kalkulierend sein, dass er seinen Beitrag zu einem nützlichen Gesamtwerk verweigert und lieber darbt als das Nötige zu tun; zugleich aber soll er kleinlich berechnend genug sein, sich für einen ihm fremden Dienst herzugeben, wenn ihm jeder Handgriff extra angereizt, mit einem Stimulus versüßt oder einer vermeidenswerten Strafe belastet wird. Heutigentags geben die ehemaligen Anhänger der Planwirtschaft diesem Bild vom Menschen als der dümmsten Sau recht und werfen ihrem alten System nichts so sehr vor wie, dass es all die großartigen Koordinierungsleistungen eines freien Marktes schuldig geblieben sei, weil es diese menschliche Dummheit nicht in Rechnung gestellt und absurderweise an die Vernunft appelliert hätte. Mit einer vernünftigen Planung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung haben es diese Strategen der „Planung und Leitung“ also nie gehabt; ihr Ehrgeiz ging dahin, mit ihrem Kommando die vorgestellten Sachgesetze der Abstimmung zwischen Produktion und Konsumtion, also die „Leistungen des Marktes“ zu verbessern. Die „Vernunft“, an die sie mit ihren Geldhebeln und Parteilosungen appelliert haben wollen, hatte mit Verstand und Nutzen wenig, dafür sehr viel mit Berechnung und Moral zu tun. Gerechtfertigt haben sie sich ihr ganzes Treiben durch ein Menschenbild, wonach lauter gutwillige Werktätige sämtliche Widersprüche ihrer Hebelwirtschaft ausbügeln sollten. Das wird jetzt ausgetauscht, gegen ein mehr pessimistisches Menschenbild – und schon sind sich die Ideologen des sozialistischen Menschen sicher, dass am Markt eben doch kein Plan vorbeiführt.

c) Geplante oder spontane Arbeitsteilung?

Die Zusammenfassung des Systemvergleichs besagt, dass eine bewusste und geplante Arbeitsteilung ineffektiv, unflexibel sei und letztlich einfach nicht geht, im Unterschied zu der erfolgreichen Marktwirtschaft, in der jeder Produzent ahnungslos und auf gut Glück am Markt sein Vorprodukt und seine Werkzeuge suchen geht. Natürlich ist es nicht so. Dass Planung nicht geht, vertreten dieselben Leute, die, wenn erst klar ist, dass für den Markt und für Geld produziert wird, „auf Teufel komm raus“ planen. Nicht nur in der Fabrik und unter dem Kommando des Eigentümers findet eine fein ausgetüftelte Arbeitsteilung statt, auch zwischen Zulieferern und Abnehmern wird mitten in der Marktwirtschaft der Zusammenhang der Produktionen „just in time“ geplant wie der Fahrplan der Bundesbahn.

Die Koordination der geteilten Arbeiten ist eine ingenieurwissenschaftliche Aufgabe, die kein Markt löst: Wer ein Auto baut, erfährt keineswegs vom Markt, wieviel Schrauben und Blech er dazu braucht; und auch nicht, von wem er seine Teile bekommen kann. Das Wissen um den hierarchischen Zusammenhang der konkreten Arbeiten und ihrer Proportionen erspart sich keine Gesellschaft, und die planvolle Organisation dieses Zusammenhangs auch nicht. Allerdings scheitert auch keine Wirtschaft wegen eines Mangels an derartigem Wissen und derartiger Planung.

Die Alternative: Planen oder „Es-darauf-ankommen-lassen“ existiert gar nicht. Alles, was sie planen müssen, planen die marktwirtschaftlichen Produzenten recht detailliert, in der Marktforschung planen sie sogar, was gar nicht zu planen geht. Sie sind die letzten, die dem Zufall Raum geben wollten. Die Alternative heißt in Wahrheit ganz anders, und der Vergleich vermeintlicher „Steuerungsmethoden von Wirtschaften“ ist selbst die ganze Täuschung: Die Frage heißt lediglich, wer produziert wofür: Die Gesellschaft für ihre Bedürfnisse oder der Private für seinen Gelderwerb?

Insofern legt die Formel von der Marktwirtschaft sehr viel mehr fest als „eine Methode der Vermittlung arbeitsteiliger Prozesse „, nämlich den ganzen Zweck einer Produktionsweise. Die Formel von der Planwirtschaft bestimmt umgekehrt entschieden weniger als eine Definition des Sozialismus. Da will man schon auch noch wissen, was die Planung erreichen soll, die für sich genommen nichts ist als die (Wieder-)Herstellung der Freiheit der Nutzenabwägung zwischen Arbeitsaufwand und Produkt. Da geht es dann auch nicht nur um die Verfertigung der erforderlichen Produktpalette, sondern auch darum, wie dabei die Arbeit beansprucht wird, wie lange sie dauern soll etc. Ganz andere Arten des Lohnens kommen zum Zuge als in der Marktwirtschaft, die jede freie Nutzenabwägung so gründlich unterbindet, dass alle alternativlos zu Dienern des einen in ihr bekannten Lohnens werden müssen.

Was der Markt ist

Kein Platz jedenfalls, auf dem Gemüse oder Rinder gehandelt werden, wie die altertümliche Bedeutung des Namens nahelegt. Markt das ist der Umstand, dass alle Elemente des materiellen Reichtums Waren sind: käuflich und verkäuflich. Alle Gegenstände des individuellen und des produktiven Konsums werden in der Marktwirtschaft grundsätzlich für andere hergestellt. Zugleich aber sollen sie nur dem Vorteil des Produzenten dienen, der seine eigenen Produkte freilich gar nicht brauchen kann. Zwar ist es die wechselseitige Abhängigkeit von ihren produktiven Leistungen, die die Privaten am Markt zusammenführt, aber nicht um dieser Abhängigkeit zu entsprechen, sondern um die Abhängigkeit der anderen auszunutzen. Die Versorgung des gesellschaftlichen Bedürfnisses ist keinem Privaten Zweck oder Anliegen bei seinem Produzieren, sondern Hebel. Die Bedürftigkeit der Kundschaft ist ihre Schwäche, bei der sie der Warenbesitzer packt und die er bestmöglich auszunutzen gedenkt. Wie er tun es nach Kräften alle: Sie versuchen, teuerst zu verkaufen und billigst zu kaufen. Wer wegen unabweisbarer Bedürfnisse kaufen muss, ist der Schwache; nur wer die Freiheit hat, zu kaufen und zu verkaufen oder auch nicht, erfüllt die erste Bedingung für die erfolgreiche Teilnahme am Marktgeschehen.

Der Kampf gegen den Konkurrenten und mit dem Kunden um die Erzielung größtmöglicher Kaufkraft aus dem eigenen Produkt macht den Erfolg natürlich etwas unsicher. Der Private produziert zwar nur für die Gesellschaft; ob und in welchem Maße er dies aber tut, ob er mit seinem Produkt einen ausnutzbaren Bedarf der anderen Marktteilnehmer getroffen hat, stellt sich erst hinterher auf dem Markt heraus. Auch nach dieser Seite kann von einer Arbeitsteilung, einer rationellen zumal, keine Rede sein.

Der Warenproduzent stellt mit seiner besonderen Produktion und seiner besonderen Ware für sich und objektiv nur Kaufkraft her. Die Herstellung des nützlichen Gegenstands ist ihm nicht Zweck, sondern nur Mittel seines Gelderwerbs; sie findet nur unter der Bedingung und nur insoweit statt, wie sie dafür taugt. Mit seinem besonderen Dienst verschafft sich der Marktteilnehmer, so gut er kann, das allgemeine Kommando über die Waren und Dienste des Marktes: das Geld. Dafür, dass alle Arbeit und alle Befriedigung der Messlatte des Geldes und dem Zweck des Gelderwerbs untergeordnet werden, taugt der Markt. Dies ist sein Zweck, dafür ist er Mittel, sonst für nichts.

All dies ist den Anhängern der Marktwirtschaft nicht direkt unbekannt. Sie wissen recht gut, dass das „unbestechliche Urteil des Marktes“ jede Menge Härtefälle schafft und dass „unsere Leistungsgesellschaft nur den Starken Chancen bietet und die Schwachen vergisst“; wobei diejenigen „stark“ heißen, die am Markt erfolgreich sind, nicht umgekehrt Erfolg haben, weil sie stark sind. Dem verbreiteten Lob des Marktes entspricht ferner ganz grundsätzlich die ebenso verbreitete Abneigung gegen seine Akteure. Tauschen kommt von Täuschen, das kennt nicht nur der Sprachwissenschaftler: Alle Händler sind Pfennigfuchser, die dem Kunden das Geld aus der Tasche ziehen und ihn dann noch um Qualität betrügen. Häufig genug wird „mit der Armut ein Geschäft gemacht“, und am Wohnungsmarkt entdeckt fast jeder reinen Wucher: Ungeheuerlich, da soll es Leute geben, denen ihr Geld wichtiger ist als die Versorgung der Menschen mit Wohnraum! Was empört man sich? Wo jedes Bedürfnis eine Abhängigkeit ist, die ausgenutzt wird, da wird eine besondere Abhängigkeit eben auch besonders ausgenutzt. Die Empörung selber ist der ganze Schwindel: Auf „den Markt“ und seinen herrlichen Zwang zur Effizienz lässt man nichts kommen, solange man auf all die Verbrecher schimpft, die ihn bevölkern.

Die „unsichtbare Hand des Marktes“

Auch das Wissen darum, dass es auf dem Markt allen um den Schacher ums Geld geht, dass sich Käufer und Verkäufer wechselseitig ausnehmen und übers Ohr hauen, dass der Erfolg des einen den des anderen beschränkt und bisweilen völlig ausschließt, hindert die Freunde der Marktwirtschaft seit Adam Smith nicht, vom Markt als einer den allseitigen Nutzen steigernden Form der Arbeitsteilung zu schwärmen. Die guten Leistungen des Marktes sollen von den schlechten Absichten seiner Subjekte gar nicht beeinträchtigt werden; ja, sie setzen sich angeblich durch, und zwar durch und gegen diese Absichten. Dass der Versuch, die zahlungsfähige Nachfrage auszunutzen, am konkurrierenden Angebot derselben Ware durch andere seine Schranke findet, dass beim Feilschen ums Geld von einer „Diktatur der Produzenten“ also zurecht nicht die Rede sein kann, ermutigt die Marktwirtschaftler, gleich das Gegenteil zu behaupten:

“Obwohl die Unternehmer aus ‚egoistischem‘ Gewinnstreben handeln und nicht etwa, um die Güterversorgung der Bevölkerung zu verbessern, richtet sich dennoch letztlich die gesamte Güterproduktion nach den Wünschen der Konsumenten.“ (Henrichsmeyer u.a., Einführung in die VWL, 1979, S. 235)

Dass die Unternehmer, wenn sie das zahlungsfähige Bedürfnis ausnutzen wollen, ihm ein konkurrenzfähiges – Angebot machen müssen, ist ganz etwas anderes, als dass sich ihre Produktion nach den Wünschen der Konsumenten richtet: Ein Bedürfnis, das nicht über Geld oder nicht über genug verfügt – das sich zur Bereicherung des Verkäufers also nicht eignet –, existiert für den Markt überhaupt nicht, wer zählt denn dann überhaupt zu „den Konsumenten“, deren Wünsche die Produktion bestimmen? Nur diejenigen, die kaufen können, und woran merkt der Wirtschaftswissenschaftler das? Na, daran, dass sie kaufen. Und wer kauft, wird wohl ein Bedürfnis nach dem Kaufobjekt verspüren, sonst kaufte er nicht, ob es das Bedürfnis oder eher der knappe Geldbeutel war, der den Kunden zu dieser preisgünstigen Ware greifen ließ, mag so ein Denker nicht mehr unterscheiden: Der Kauf beweist ihm die Gleichung von Produktion und Bedarf.

Mehr als das Faktum des Kaufs haben die Apologeten des Marktes gar nicht, wenn sie vom bewundernswerten „Gleichgewicht“ des Marktes berichten: Weil jeder Kauf zugleich für die Gegenpartei ein Verkauf ist, „beweist“ ihnen das, dass der Markt stets ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, zwischen Produktion und Bedarf herstellt. Die Übertreibung dabei besteht einzig darin, dass der Schein erzeugt wird, jenes Gleichgewicht müsse sich erst immer wieder durch die Preisbewegung herstellen. In Wahrheit ist es immer erfüllt: Die „reale“ Nachfrage ist stets gerade so groß, wie Waren zu einem bestimmten Preis über den Ladentisch gehen, und das „marktgerechte Angebot“ ebenso. Dieses Gleichgewicht ist bei jedem Preis und jedem Handelsvolumen und jeder Hungersnot gesichert.

Der Markt mit seinen Preisen koordiniert nicht selbständig vorgegebene Bedürfnisse mit einer darauf auszurichtenden Produktion, er entscheidet, was sich zu produzieren lohnt, wessen Arbeit und wessen Bedürfnis überhaupt und wenn wie zum Zuge kommen. Seine „Koordinationsleistung“ beschränkt sich strikt auf seinen Zweck: Der Markt weist Bedürfnisse, die sich nicht zum Gelderwerb von Anbietern eignen, ebenso zurück, wie er Produktion unterbindet, die an demselben Kriterium scheitert.

Der Kapitalist bestückt den Markt. Wir danken’s ihm – das ist Marktwirtschaft!

Es gibt einen Beweis von Marx, den man einfach so zitieren darf, weil ihn ohnehin niemand bestreiten will – die westlichen Volkswirtschaftslehrer nicht und auch nicht die neugebackenen Anhänger einer „sozialistischen Marktwirtschaft“: den Übergang von Ware und Geld, d.h. vom Markt zum Kapital. Dass Marktwirtschaft Kapitalismus ist, bestreitet keiner von denen, die darum streiten, wie man diese Wirtschaftsweise sehen soll.

Wenn, so der Beweis von Marx, der ökonomische Zweck der Marktteilnehmer im Gelderwerb besteht, und zwar im möglichst großen, dann wäre der bescheidene Austausch von Produkten eigener Arbeit gegen Geld und dann wieder gegen die Produkte fremder Arbeit eine Beschränktheit und ein Widerspruch gegen den gelungenen Gelderwerb. Was der Verkäufer dem Markt an Geld vermehrt entziehen will, muss er vorher als Arbeiter vermehrt reingesteckt haben. So entsteht weder die ungeheure Warenansammlung, für die die Marktwirtschaft jedes Lob erntet, noch der private Reichtum, der sich diesen Überfluss zugänglich macht.

Das Geld in der Marktwirtschaft ist nicht, wie in der Vorstellung von der „einfachen Warenproduktion“, ein kleiner, praktischer Umweg des Naturaltauschs. Geldvermögen ist Ausgangs– und Endpunkt des Geschäftslebens, das ihm dient. Es muss als Voraussetzung des Geschäfts vorhanden sein, um alle Elemente der Produktion darunter fremde Arbeit, zu kaufen. Das gewachsene Vermögen ist aber auch Resultat der ganzen Bewegung: Es löst sich nie mehr in Gebrauch und Genuss auf. Die nützlichen Dinge, die mit ihm hergestellt werden, sind nur Mittel dieses Geldkreislaufs. Sogar der erfolgreiche Unternehmer dient dem ererbten Familienvermögen, das er nicht verbraucht, sondern mehrt und weitervererbt. Sein gewiss großzügiger Konsum fällt nebenher ab; er mag das persönliche Interesse des Unternehmers sein, das Sachgesetz des Geschäfts, von dem er profitiert, ist sein Konsum nicht.

Die Verehrer der Marktwirtschaft bestreiten diese Darstellung gar nicht, wenn sie fordern, Volkswirtschaftler müssten sich bei der Beurteilung des Wirtschaftsgeschehens auf einen höheren Standpunkt stellen und die Wirtschaft, in der es darum nicht geht, als Versorgung würdigen.

Dazu betrachten sie einfach die Kapitalisten, die den Markt bestücken, weil er das Mittel ihrer Plusmacherei ist, als Diener des Marktes. Den Umstand, dass das Warenangebot nur unter der Bedingung des Profits zustande kommt – und deshalb manchmal auch gar nicht und mancherorts nie und für manchen Konsumwilligen nie zureichend –, kann man diesen Umstand nicht auch so herum betrachten, dass es dadurch immerhin zustandekommt? Diese Umkehrung der Optik ist das ganze theoretische Angebot der Vokabel „Marktwirtschaft“. Was jeder – auch der VWL-Professor – als einzig vernünftigen Zweck einer Wirtschaft kennt, die Versorgung der Bevölkerung, macht diese Vokabel zum Vorurteil über das Kapital. Dass sich das Kapital die gesamte Reproduktion der Gesellschaft unterwirft und von der Bedienung des Profits abhängig macht, drückt sie lediglich positiv gefärbt aus: Nur durch den Profit kommt die Versorgung des Marktes mit Gütern zustande. Man muss nur die Abhängigkeit und Unterordnung der Gebrauchsgüterproduktion unter den Profit anerkennen, schon erschließt sich dem Betrachter die herrliche Dialektik des Wortes „Bedingung“: Die Schranke, die vor die Bedürfnisbefriedigung gesetzt ist, wird, sind ihre Ansprüche erst erfüllt, zur Ermöglichung derselben.

Nach dieser Logik werden alle ökonomischen Einrichtungen des Kapitals als Mittel der Gebrauchswertproduktion ausgedrückt – je mehr ihr bloßer Anblick dieser Deutung ins Gesicht schlägt, desto konsequenter. Im Kreditgewerbe und an der Börse werden Geschäfte gemacht und Geld vermehrt ganz ohne die Dazwischenkunft von Produktion und wirklicher Ware, jede Vorstellung des Nutzens, den dieser Tribut an die Geldbesitzer woanders als bei ihnen selbst stiften könnte, fällt schwer. Nicht so für die unverdrossenen Künder des guten Sinns der Marktwirtschaft: Die von allem Warenverkehr emanzipierte Börsenspekulation mache Ressourcen dort verfügbar, wo sie am meisten gebraucht würden. Tatsächlich strömt der Kredit immer dorthin, wo am meisten Geld zu verdienen ist – aber das ist in der Marktwirtschaft halt die einzig gültige Definition von „Bedarf“. So richtig einleuchtend aber wird die Rede vom „Dienst“ deshalb, weil exakt das entgegengesetzte Verhältnis vorliegt: Dem Kredit, seiner Verfügbarkeit, seiner Solidität und der Bedienung seiner Ansprüche wird in der Marktwirtschaft alles untergeordnet, also hängt alles von ihm a b. Obwohl die Nation bei einem Börsenkrach, wenn die Nullen der Aktienkurse gestrichen werden, keine einzige produktive Ressource verliert, keinen PKW und keine Schraube, kommt Rezessionsangst auf: In einer Nationalökonomie, in der jede Produktion nicht Material und Arbeit, sondern zuerst einmal einen gehörigen Geldvorschuss braucht, fehlt im Fall des Crash die Verfügung über Geld.

Also ermöglicht der Kredit, Zins, Profit etc. die Produktion, die er eben ermöglicht. Was zustande kommt, ist diesen ökonomischen Verdienstquellen zu danken, was nicht zustande kommt, ist ihnen nicht vorzuwerfen: Soviel Kapital, Zinsfuß, Gewinnchance konnte nicht mehr ermöglichen, als es eben ermöglicht hat. Mit dieser trivial-tautologischen Beweisführung wird alles auf den Kopf gestellt: Der Profit wird zum Mittel und die Produktion von Gebrauchsgütern zum Zweck der Wirtschaft verdreht, und zwischen beiden eine bedingende Relation hergezaubert.

Die Idee der Steuerung

ist damit schon fast fertig: Ist der Profit erst einmal als Mittel der Gebrauchsgüterherstellung gedeutet, dann ist er für den Unternehmer, der dieses Gegenteil des gleichgewichtigen Gebens und Nehmens am Markt kassieren darf, ein Stimulus zur Erwirkung der von ihm gewünschten Investition und Produktion – eine Belohnung für den Dienst, den er an ihr leistet, und Indikator seines Grades: Hohe Profite belohnen ein besonders effizientes und innovatives Produzieren, niedrige indizieren Versäumnisse; aber nicht schlicht bei der Produktion des Profits, das wäre ja wirklich der Fall, sondern bei etwas Höherem, Gemeinnützigem.

Alle beschädigten Interessen, von denen auch die Marktwirtschaftler wissen, sind in dieser Optik die (gerechte) Strafe für ein Versagen vor den Erfordernissen des Marktes, und darum unter den geltenden Bedingungen 1. absolut notwendig 2 aber müssten Opfer natürlich überhaupt nicht sein, wenn sich alle marktgerecht verhalten hätten. So sind alle Opfer Stimuli, das Versagen vor dem Markt abzustellen, und der erste Schritt zur Besserung.

Gibt es wieder einmal zu wenig Wohnraum, dann ist den Marktwirtschaftlern alles klar: Das ist nicht ein Resultat dessen, dass mit anderen Produktionen als dem Mietwohnungsbau mehr Profit gemacht wird, sondern ein Indikator dafür, dass die Gesellschaft zu wenig für diese Ware zu zahlen bereit ist. Jetzt ist sie knapp und ihr Preis steigt, so dass wenigstens dieses „Ungleichgewicht“ in Ordnung kommt. Ob es dann mehr Wohnungen gibt?

Gibt es Arbeitslose, dann sind das in den Augen der Marktwirtschaftsideologen nicht Leute die für den Profit gerade nicht gebraucht werden und deshalb selber sehen können wo sie bleiben. Sie sind Indikator dessen, dass die Gewerkschaften keine Marktpreisbildung für die Ware Arbeitskraft zulassen, sonst wäre sie billiger – als ob sie dann gebraucht und bezahlt würde! Zwar signalisierten Arbeitslose „Allokationsprobleme der Produktionsfaktoren“, zugleich aber sind sie nach der Logik der Steuerung auch das Gegenteil: Die Verfügbarkeit zahlreicher Arbeitsloser ist ein Standortvorteil und Stimulus für Investitionen.

Linke denken gerne in derselben Logik und halten Arbeitslose für einen Hebel zur Disziplinierung der Beschäftigten; dass sie einfach nicht gebraucht und nicht gezahlt werden, ist ihnen zu wenig funktional. Eine Wirkung der Arbeitslosigkeit, die nicht zu leugnen ist, machen sie zum Zweck in ihrem Trieb, allem eine Funktion im (hier bösen) Funktionieren zuzuschreiben.

Das stets gestörte Gleichgewicht

ist der Endpunkt des Nutzen– und Steuerungsidealismus über das Kapital. Wer dogmatisch den Profit als Mittel der Güterversorgung betrachtet, schließt vom ausgefallenen Nutzen auch auf den fehlenden Hebel dazu: mangelhaften Profit. Der Dogmatismus der Steuerung deutet jeden Schaden als Abweichung von einem gleichgewichtigen Funktionieren, die sich einem nicht marktkonformen Verhalten eines Marktteilnehmers verdankt. So ist die Behauptung der Steuerungsleistungen des Marktes als absolut gültig behauptet und gegen jedes miese Resultat immunisiert. Nicht dass in ihrer Marktwirtschaft alles stimmt und glänzend funktioniert, behaupten die Fans der „selbstregulierenden Wirtschaftsmechanismen“, sondern dass alles glänzend funktionieren könnte, wenn der Faktor Mensch nicht gegen die Rationalität des Marktes verstieße. Jedenfalls aber kann „es“ nur dadurch klappen, dass sich der unberechenbare Faktor Mensch um so entschlossener den Marktgesetzen unterordnet, je unzufriedener er mit ihren Resultaten ist.

Absolut alternativlos diese Sache. Das ist die Botschaft und der ganze Inhalt des Gedankens. Wo dieses „Gesetz“ der Marktwirtschaft anerkannt ist, darf sie auch wieder „Kapitalismus“ heißen.