Marx-Lesekreise bundesweit — ergänzende Texte und Vorträge

Karl Marx 1893 und 1983. Was in den rauschenden Feiern vernachlässigt wird:

Marx’ Gründe für eine proletarische Revolution

Verächter und Liebhaber von Marx genießen ihn als Begründer einer Weltanschauung. Neben gelehrten Individuen lassen ganze Parteien und Nationen ihr Bedürfnis nach Generalbefunden über den Lauf der Welt, über Sinn und Richtung der Geschichte und über eine gerechte Gestaltung des Menschenlebens ausgerechnet an Marx aus; und weil sie den toten Hund an den von ihnen favorisierten Staatsmoralitäten und Menschenbildern messen, stellt sich auch das erwünschte Vergnügen ein. Während die einen gegen ihn recht behalten, weil sie im ach so munteren Wirken von Geschäft und Gewalt eine unzweifelhafte Widerlegung des Mannes sehen, der den Maßstab des Profits und die dazugehörige Herrschaft wegschaffen wollte, wähnen sich die anderen mit ihm auf dem rechten Weg, dessen Richtung er der Geschichte abgelauscht haben soll.

Ihnen gilt Marx sehr viel, da sie ihre Sache nicht ohne den Segen einer allgemein waltenden Tendenz vertreten mögen; dagegen pochen erstere auf das erwiesene Ausbleiben der vom Propheten Marx verheißenen „Entwicklungen“, denunzieren seine wohlmeinenden philosophischen Anhänger als solche einer „Ersatzreligion“ – wobei sie etwas gegen den Ersatz haben, der im Unterschied zu einem anständigen Glauben nicht zum Ertragen, sondern zur Bekämpfung ehrwürdiger Instanzen anleiten will – und schlagen sich hämisch auf die Seite der Fakten, die ihrer gutbürgerlichen Meinung nach als Richter über Theorien auftreten. Dem ist zwar nicht so – was sie an ihnen sehr geläufigen Gedanken bemerken könnten: Arbeitslose „widerlegen“ für sie ja auch nicht die Lehre vom Beruf der „Wirtschaft“, Arbeitsplätze zu stiften und an die Meistbietenden zu vergeben, und Raketen in immer wachsender Zahl stören sie nicht bei ihrer Erklärung der Politik als groß angelegtes Abrüstungsgeschäft –, aber in der Abrechnung mit denen, die sich auf Marx als Prognostiker berufen, tut dieser „Realitätssinn“ gute Dienste. Und er bewährt sich auch an der Handvoll von Sprüchen, die der auf geschichtsphilosophische Wegweisung des öfteren bedachte Marx geprägt hat. Die „unvermeidliche“ Umwälzung der Bourgeoisherrschaft wird von den Frühschriften, in der „Deutschen Ideologie“, im „Manifest“ (wiederholt per Zitat in K I/791) einige Male angesagt, die blöde – weil aus der Mechanik stammende – Metapher vom „Rad der Geschichte“ wird heftig bemüht, damit jeder, der das Ding aufhalten oder gar zurückdrehen will, auf jener anderen – aus der Landwirtschaft genommenen – Metapher vom „Misthaufen der Geschichte“ landet, den gestandene Revisionisten jedem als künftigen Aufenthaltsort zuweisen, der sich der Einordnung von allem und jedem in ihre geglaubte Tendenz widersetzt.

Die Verwechslung einer Angelegenheit, die man für notwendig hält, mit einer garantiert eintretenden Notwendigkeit, die Verwandlung eines begründeten Interesses an der proletarischen Revolution in das unausweichliche Resultat von welthistorischen „Gesetzen“ ist freilich ein Fehler, dessen öffentlichkeitswirksame Ausschlachtung durch die Verehrer des Kapitalismus wenig Schaden anrichtet. Gewohnt, die Weisheit zu beherzigen, dass der Erfolg noch immer jedem, also auch dem Kapital recht gibt, begrüßen sie das mit reichlich Gewalt durchgesetzte und praktizierte Recht des Kapitals, die ganze Welt unter seine Anliegen zu unterwerfen – und als billigen Genuss gönnen sie sich in ihrer Parteilichkeit die Pose von gewissenhaften Denkern, die sich, nach reiflicher Auseinandersetzung mit dem „Ansatz“ von Marx und dessen „Alternative“, zur „Marktwirtschaft“, gegen seine geschichtlich ad absurdum geführten „Utopien“ entschieden haben. Dass sich der Welten Lauf nicht nach Marx richtet, ist ihnen Beleg genug dafür, wie wenig dessen Kritik ihren Gegenstand, die kapitalistische Produktionsweise, treffen kann. „Sein Anliegen geht gar nicht!“ ist noch das mildeste Grundmuster der Marx-Widerlegung, von der insbesondere eine ganze Reihe wissenschaftlicher Disziplinen nicht lassen mögen – so wichtig dünkt sie dieses Bekenntnis, weil der Marxismus ihrer Auffassung nach ganz unverdient viel zu viel Anerkennung genießt und wirkt. (Lägen sie richtig mit ihrer Einschätzung von der hohen Gunst, der sich Marx’ Lehren allenthalben erfreuen, sie hätten wahrlich nichts mehr zu lachen!) Wenn in der eintönigen Distanzierung und Verurteilung des toten Kommunisten dann noch die Russen hergenommen werden, so eröffnet sich für Christen und andere Freiheitsdenker wie ‑kämpfer die Chance der Differenzierung. Entweder zeigt der Kreml dadurch, dass er Marx folgerichtig exekutiert, dass „es“ nicht geht und Sozialismus das genaue Gegenteil von allem ist, was das Leben lebenswert macht; oder die drüben halten sich gar nicht an ihre Berufungsinstanz und demonstrieren so, dass die bestenfalls ein reichlich sprudelnder Quell utopischer Irrlehren gewesen sein kann…

„Wir gehen davon aus…“ – oder: Sozialismus als Zeichen der Zeit

Aber wie gesagt – ebenso wenig wie Marx’ Ideen dürfen seine famosen Widerlegungen, die heuer wieder ganz besonders eifrig unter die Leute gebracht werden, für die Übel dieser Welt verantwortlich sein. Sie gehören eben zur „politischen Kultur“ des freien Westens und ergänzen dessen traditionellen Bestand an Not und Gewalt um gelehrten moralischen Weihrauch. Von praktischer Bedeutung ist allerdings die Übernahme ausgerechnet des benannten Fehlers von Marx, seine Ernennung zum „Marxismus „ und zur Weltanschauung, aus der Kritiker des Kapitalismus ihr politisches Kampfprogramm abzuleiten haben. Mit dieser Weltanschauung ausgerüstet, werden kommunistische Parteien zu äußerst zuversichtlichen Begutachtern sämtlicher Widersprüche im bürgerlichen Getriebe, weil sie ihrem schieren Auftreten jene trostreiche, hoffnungsstiftende Tendenz entnehmen, von der ihr Weltbild so prinzipiell kündet. An die Stelle der Kritik von Interessen und Zwecken, die im Kapitalismus andauernd aneinandergeraten, tritt die Deutung jedweder oppositionellen Regung als „Fortschritt“, als Teil einer „Bewegung“, die nur eines noch nicht hat – das Bewusstsein der „Kommunisten“, die ganz genau wissen, dass da wieder einmal Teile des Volkes unterwegs sind zu „konkreten Teilerfolgen“ auf dem geschichtsnotwendig feststehenden Weg zur Beseitigung der „überholten“ Klassenherrschaft. „Fäulnis“ wird dem brutal agierenden Kapital attestiert, sobald es irgendwo kracht, und der Imperialismus ist auf dem Rückzug, während seine Agenten und Berater Profite, Waffen und Leichen täglich vermehren und öffentlich nachzählen. An die Stelle einer Agitation, die den „Betroffenen“ beweist, dass Lohnarbeit und Staatsbürgerlos im Reich der Freiheit ohne Armut, Schäden für die Gesundheit und Krieg nicht zu haben sind, dass Arbeit und Gehorsam zwar vorgeschrieben, aber wenig brauchbare Mittel lohnabhängiger Bürger sind, tritt die Anerkennung und das Lob der arbeitenden Klasse. Als „eigentlicher“ Vollstrecker jener ehernen Notwendigkeit ist sie gut, und diejenigen, die sie ausnützen, sind erstens böse – zweitens aber unfähig: zur Bewältigung der Krisen, der „gesellschaftlichen Probleme“, welche sich „uns“ in „heutiger Zeit“ und „Lage“ stellen. Als Anwälte einer geschichtlich fälligen, daher gerechten Sache werden solche Kapitalismuskritiker im Namen ihres Marxismus zu dauernd fündigen Wünschelrutengängern des politischen Getriebes, in dem sie sich ihrem Selbstverständnis nach ‚”taktisch“ zu bewähren haben. Die „Taktik“ besteht allerdings in der Akkomodation an politische Alternativen, denen eigenhändig der Stempel „zwar noch nicht Klassenkampf, aber fortschrittlich“ aufgedrückt wurde, so dass sich das Mitwirken an und schließlich däs Bewirken von Alternativen zum Klassenkampf als die veritable, zeitgemäße wie volkstümliche Aufgabe mancher Partei herausgestellt hat, die im Kopf ihrer Zeitung den traditionsstiftenden Wuschelkopf abdruckt. Nachdem aus der alten Sozialdemokratie die neue geworden ist, die in der bürgerlichen Parteienkonkurrenz heftig um ihr Recht streitet, den Klassenstaat im Namen von Volk, Frieden und Freiheit machen zu dürfen, sind die neuen kommunistischen Parteien der imperialistischen Staatenwelt ebenfalls auf diesen alten Weg verfallen. Im Namen der Proleten, die längst und ohne ersichtlichen Vorteil auch noch Wahlbürger sind, führen sie am liebsten Rettungsprogramme ihrer jeweiligen Nation durch, wollen unbedingt regieren und führen öffentliche Diskussionen, ob „unsere“ nationale Wirtschaft die hohen „Kosten für die Arbeit“ noch verträgt! Garantiert gelungenen Einsatz der arbeitenden Klasse propagieren die stärksten KPs Europas als ihren „Ausweg aus der Krise“, welche unterdessen von Parteischriftstellern kundig interpretiert wird; natürlich in ihrer „Bedeutung“ für sämtliche Abteilungen niederen und höheren Blödsinns – nur nicht mit der Absicht, ohne Rücksicht auf „nationale Notwendigkeiten“ das Los der gewöhnlichen Leute zu verbessern und den entsprechenden Kampf zu organisieren.

Vom Gebrauch Marxscher „Konzepte“ beim engagierten Philosophieren

In diesen Interpretationsveranstaltungen bedienen sich des modernen wissenschaftlichen Räsonnierens kundige Denker nicht nur des unter linken Parteien längst zum Dogma erhobenen Irrtums, die Diagnose von Krisen – der Währung, der Regierung, des Parteiensystems etc. – sei die Domäne marxistischer Kritik. Dass man den ehrenwerten Instanzen und entscheidenden Figuren der Politik mit der theoretischen Analyse und praktischen Behinderung ihrer Zwecke kommen könnte, weil die – mit den in der Fabrik, auf dem Markt und im Staat reichlich präsenten Mitteln ausgestattet – der mehrheitlichen „Menschheit“ das Leben schwermachen, ist in diesen intellektuellen Sphären schon längst passe. Das Scheitern von allem und jedem zu beschwören, von parlamentarischen Sitten, von der Kunst des Theaters; der Sprache und des Dialogs zwischen Kulturkreisen wie mit der Natur, gehört da zum obligatorischen guten Ton – und der Verdacht, dass man mit der stilvoll ausgepinselten Sorge um das Gelingen des Kulturwesens in all seinen Belangen nicht auf Marx’ Spuren wandelt, sondern auf denen von Oswald Spengler, kommt gar nicht auf. Die Verbindung zum Traditionsspender des wissenschaftlichen Sozialismus lässt sich nämlich durch das Verständnis von Theorie und Kritik, das moderne bürgerliche Wissenschaft auszeichnet, ganz locker herstellen. Ist nicht alle Theorie ein Versuch, sich die Welt und ihren mehr oder minder verwirklichten Sinn zurechtzulegen, sich eine Betrachtungsweise anzueignen, mit der sich „Probleme“ sichtbar machen lassen, so dass ihre Erörterung „fruchtbar“ wird? Und hat nicht gerade Marx für dieses Geschäft auch manches „Konzept“ und methodische Handreichungen geliefert, deren „Produktivität“ noch gar nicht richtig ausgeschöpft ist? Leider werden die so verfahrenden Linken des 20. Jahrhunderts auch in ihrer Suche nach eigentümlichen Wegen des Denkens bei Marx fündig, und sie brauchen sich in ihrer diesbezüglichen Vorliebe um die inhaltlichen Befunde des Menschen aus dem 19. Jahrhundert nicht weiter zu kümmern. Den philosophischen Frühschriften wird entnommen, dass man den „Menschen“ als „Gattungswesen“ als „praktisch-sinnliches“ Wesen betrachten soll, das vor lauter „Entfremdung“ nicht zu seiner „Selbstverwirklichung“ gelangt – und unter kundiger Umgehung der durchaus schon getroffenen ökonomischen und politischen Bestimmungen (von Privateigentum und Ausbeutung ist in den 1844er Manuskripten gar nicht knapp die Rede) verfügt die deutsche Ideologie von heute über ein paar unverwüstliche, auch noch durch Tradition verbürgte „Aspekte“, deren Nichtberücksichtigung das Leben zur Hölle geraten ließe. Dass man gut daran tut, an seine Probleme „dialektisch“ heranzugehen, gereicht – mit Marx belegt – zum Leitfaden von Hunderten von Schriften, deren trostreiches Ergebnis allerdings dann in der Warnung besteht, die Dialektik ja nicht vom „Konkreten“ zu trennen. Das „Konkrete“ gilt gemeinhin heutzutage als gut, im Unterschied zum „Abstrakten“, obgleich „Vermittlung“ ansteht. Beim „Bewusstsein“ heißt es aufpassen – es ist nämlich ein „bloß“, zumindest im Verhältnis zum „Sein“, von dem es herkommt. Wer etwas nicht als „wirklich“ oder nicht als „gesellschaftlich“ betrachtet, missachtet eine durchaus beherzigenswerte Regel, für die man Marx dankbar sein muss…

Vom Verlangen danach, die Welt verschieden zu interpretieren

Diese Einbürgerung von Marxschen Methodensprüchen, bei denen man sich immer fragen mochte, was mit ihnen eigentlich an Wissen mitgeteilt wird, in das Instrumentarium des modernen Geisteslebens, das sich in seinen konstruierten Sorgen um die Lösung von erfundenen Problemen ebenso versponnen wie affirmativ fortentwickelt, ist der politischen Nutzanwendung der „geschichtsphilosophischen“ Schnitzer von Marx/Engels kongenial. Kommunistische Parteien berufen sich auf das Scheitern des Kapitalismus und seiner Agenten, bescheinigen der bürgerlichen Herrschaft eine „erwiesene“ Unfähigkeit nach der anderen und bieten sich als die Lösung der „Probleme“ an, deren der Kapitalismus nicht Herr wird. Dass sie das Scheitem ihrer Gegner herbeiführen müssten, kommt ihnen nicht in den Sinn; als Alternative zur unsachgemäßen Handhabung von Arbeit und Kapital, Freiheit und Gleichheit präsentieren sie sich – ganz als hätte ihnen die Geschichte samt ihren imperialistischen Fakten schon recht gegeben. Ganz als ob die Produktivkräfte, die die engen Produktionsverhältnisse nicht mehr aushalten, ihnen die Weisung erteilt hätten, an die Stelle der bürgerlichen Gegner zu treten. Sich als links definierende Theoretiker berufen sich auf Marx und reklamieren seine brauchbaren Fehler für ihre Manier, an der kritischen Sichtung und Definition der „Probleme“ mitzuwirken, – denen ihre geistige Fürsorge gilt. Und in den ökonomisch-soziologisch-psychologisch-philosophisch konstruierten Schwierigkeiten, an denen ihrer Meinung nach die „Gesellschaft“ laboriert, strafen sie ebenso wie in der zeitgemäßen Aufbereitung von Gottesfragen eine verkehrte „Vorhersage“ von Marx Lügen, die es gleich in zwei Fassungen gibt. Einmal in Form des Bescheids, dass mit der vom Kapital selbst sollizitierten Wissenschaft die philosophischen Höhenflüge ein Ende nehmen würden. Das andere Mal in dem Befund, unter der Herrschaft des Kapitals seien die Menschen „endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ (MEW 4/465) Dabei hat Marx selbst den enormen Aufschwung des Bedürfnisses nach Ideologien erfahren, der zu einer Produktionsweise gehört, in der die Benützung einer Klasse für die Vermehrung von Kapital unter Anerkennung ihrer Person vonstatten geht und die ökonomischen Dienste der Mehrheit als „versachlichte Verhältnisse“ organisiert sind – als „Sachzwänge“, auf die sich die politische Gewalt ständig mit lauter „guten Gründen“ beruft, welche Politiker und Wissenschaftler den gedeckelten Untertanen als ebenso „unausweichliche“ Notwendigkeiten offerieren, denen es sich zu fügen gilt. Und nicht nur „erfahren“ hat Marx dieses Bedürfnis nach öffentlicher Rechtfertigung – gelehrt und volkstümlich – von Armut und Gewalt. Er hat es auch erklärt und kritisiert, wobei die abstrakte Zusammenfassung der Kritik (die Sache mit dem „gesellschaftlichen Sein“ und dem von ihm bestimmten Bewusstsein”!) auch schon längst als „Determinismus“ verschrien und als „Bedingungslehre“ vereinnahmt worden ist. Dies mit den „materiellen Verhältnissen“, auf die es allemal anzukommen hat…

Besagtes Bedürfnis nach Ideologie hat in den 100 Jahren seit Marx’ Tod eine pluralistische, auf „Geistesfreiheit“ beruhende Massenproduktion hervorgerufen, in der nur ein Verbot Konsens ist: der Anspruch darauf, etwas zu wissen. Der bloße Gestus des Arguments, so sei es, dies sei – im Gegensatz zu anderen Auffassungen – die Erklärung eines untersuchten Tatbestands, gilt als unwissenschaftliches Dogma, das noch dazu den Verdacht rechtfertige, als Richtschnur des willentlichen politischen Einsatzes Gewalt zu rechtfertigen. Marx hat sich insofern diesen Verdacht um so leichter zugezogen, als er sehr offen zu Protokoll gegeben hat, dass seine Lehre Gründe für die proletarische Revolution darlegt. Angesichts dieses Bekenntnisses hat sich der Umgang mit seinen Gedanken sehr einfach gestalten lassen: Einerseits wurde und wird ihm der Bescheid zuteil, dass ein derartiges Vorhaben gegen den ziemlichen Geist wissenschaftlicher Selbstrelativierung und Bescheidenheit verstoße; damit wurde dem polizeiwidrigen Denken zur Last gelegt, es könne schon wegen der praktischen Absichten seines Urhebers eine Gleichrangigkeit im Konzert der Wissenschaft unmöglich beanspruchen. Andererseits wurde und wird diesem Denken wohlwollend wie ablehnend eine Aufmerksamkeit zugestanden, aber eben als einer Weltanschauung unter anderen, neben der eigenen, mit ihren Vor- und Nachteilen einschließlich Altersbonus und ‑malus. Die so erlaubte Besichtigung von Marx’ Lehren kann sich getrost auf die weltanschaulichen und programmatischen Sentenzen beschränken, und von der fruchtbaren Vereinnahmung des „humanistischen“ Impetus bis zur humanchristlichen Ablehnung der „einseitigen Betonung“ des Materiellen lassen sich wohlabgewogene Richtersprüche fällen. Was bei alledem auf der Strecke bleibt, sind die Gründe für die Abschaffung des Kapitalismus; rein mengenmäßig überwiegt deren Darlegung zwar die beliebt-berüchtigten Hauptsprüche im Marxschen Werk einigermaßen (Verhältnis 1:24100), aber solche Äußerlichkeiten zählen ja in der Wissenschaft nicht! Ebenso wenig zählt aber offensichtlich auch die Frage nach der Richtigkeit einer Theorie – und dem auf Revolution sinnenden Urheber nützt es überhaupt nichts, wenn er betont, sein Vorhaben gerade nicht aus der Willkür eines weltanschaulichen Einfalls heraus erfunden zu haben. Da mag Marx tausendmal unterstreichen, dass man wissen muss, warum im Kapitalismus was wie läuft, um das Richtige unternehmen zu können gegen Elend und Gewalt, falls sie einen überhaupt stören – der wissenschaftliche Sachverstand, ansonsten sehr skeptisch in Sachen „Wissen“, weiß allemal, dass Theorien nur im „Verstehen“ der Welt praktische Dienste leisten – als Hilfsmittel für die „Bewältigung des Lebens“, zum „Sich-Einrichten”; ist Denken nicht des Menschen Ersatz für die „Anpassung an die Umwelt“, welche das Geziefer per Instinkt erledigt? Hat nicht die moderne Wissenschaft zumindest eines ganz klar herausbekommen – dass es unmöglich ist, etwas zu begreifen und deswegen abzulehnen? Und noch viel unmöglicher, anders als mit finstersten Absichten, nie aber aus Einsicht, den Maßstäben, die das Kapital und seine Staaten ihren Dienern aufzwingen, die Anerkennung zu versagen und seine Interessen durchzusetzen, statt sie „einsichtig“ zu relativieren?

Umgekehrt werden Marx-Widerleger nicht müde, Argumente für die Anerkennung von „Werten“ und gesellschaftlichen „Sachgesetzen“ darzutun, in denen der Respekt vor Interessen, die es gibt, ausdrücklich zur Sprache kommt. In „guten Gründen“ für ein gesteigertes „Bruttosozialprodukt“ oder „Wirtschaftswachstum“ – zwei in Geld bezifferten Größen übrigens, die keinem einzigen Subjekt der heutigen Gesellschaft zu Gebote stehen – wird die Abhängigkeit der auf Lohnarbeit angewiesenen Klasse auf den ökonomischen Erfolg der Kapitaleigentümer beschworen, die auf die Mittel ihres Erfolgs ebenso wenig verzichten können, wie sich auf der anderen Seite Einbußen vermeiden lassen: Ein Beispiel dafür, welche Art praktischer „Notwendigkeiten“ als logische dargestellt werden „können“ und welche nicht! Während Wissenschaft unmöglich am Werk sein kann, wenn Marx Theorie treibt und mit einer Weltanschauung minderer Qualität auf Revolution macht, erhebt der Nachweis von „Sachzwängen“, die wohl auf Bäumen wachsen, noch jedes Bekenntnis zu Werten und zu der Allgemeinheit ans Herz gelegten Interessen in den Rang wissenschaftlicher Redlichkeit. Gründe gegen die proletarische Revolution soll es also massenhaft geben, während es für sie zu argumentieren nichts gibt und sich in dieser Hinsicht Marx sowieso nicht zu studieren lohnt. „Gesetze“ des Kapitalismus taugen eben allemal nur dazu, sich ihnen anzubequemen – schließlich lassen sich Gesetze nur durch Verbrechen umgehen, und die widersprechen der (sozialen) Natur, die sich im Kapitalismus mit Hilfe kräftiger Instanzen zu bewähren weiß. Nur auf diesem Wege werden eben Argumente zwingend, allerdings kommt es dann auch nicht mehr auf ihre Qualität an.

Die „zwingenden Argumente“ gegen die Revolution

Konfrontiert mit einer Arbeiterbewegung, und nach deren gründlichen Wenden immer wieder mit Minderheiten, die den Klassenkampf propagierten, haben die Verfassungsorgane der bürgerlichen Staatenwelt auf die Mittel der praktischen Widerlegung des Marxismus und all dessen, was sie – weil als ebenso störend empfunden – dafür hielten, zurückgegriffen. Gemütlich soll es dabei nicht zugegangen sein, aber sein müssen hat es halt, von wegen Schutz der Nation und so. Eine Störung der jeweiligen Ordnung, eine Behinderung des rechtmäßigen und erwünschten Geschäfts lag allemal vor und gegen Staatsfeindlichkeit und Rechtsbruch „musste“ sich die öffentliche Gewalt schließlich wehren. Der Einwand, dass die organisierten Rechtsbrecher vom Geschäft und seiner ordentlichen Regelung nicht leben konnten, zählte da nicht. Also standen legitimer Mord und Totschlag an. Seitdem gibt es in den lichten Höhen der theoretischen Befassung mit dem Klassenkampf das illustre Argument, er lohne sich nicht, „provoziere“ Gewalt auf erweiterter Stufenleiter, die ausgerechnet die aufständischen Knechte mit voller Wucht treffe und damit sei doch niemandem gedient. Marxisten, die zum Klassenkampf und damit zum Aufbegehren gegen die Ordnungskräfte aufstacheln, mache sich schuldig. Karl Popper gibt dies sein Verständnis der Sache seit Jahrzehnten zum Besten, wobei er Bezug nimmt auf eine selbsterlebte Anekdote; als Teilnehmer einer Demonstration von Arbeitern in Wien musste er mit ansehen, dass die Polizei einen umlegte. Er hat dieses Ereignis zum Anlass genommen, vom Marxismus Abstand zu nehmen und besagtes Argument auszutüfteln. Seitdem ist er entschiedener Gegner von Gewaltanwendung in der”sozialen Frage“ bei den Betroffenen, nicht aber bei der Polizei; er predigte zeitlebens die Losung „Reform statt Revolution“, deren Richtigkeit er durch die Reformen zur und in den kapitalistischen Demokratien verbürgt sieht: Die lassen die arbeitende Klasse von ihrem Dienst leben und somit gar nicht mehr auf ordnungswidrige Praktiken verfallen.

Demokratisch aufgeklärten Geistern ist dieses Argument keineswegs verdächtig: revolutionäre Umtriebe sind überflüssig, weil die Herren Arbeiter doch auf ihre Kosten kommen. Während für Arbeiteraufstände des 19. Jahrhunderts rückblickend sogar ein „gewisses“ Verständnis fällig wird, beschließt der historische Sachverstand nach seinem akkurat vollzogenen Vergleich zwischen einst und heute, dass das Los der Lohnabhängigen unter demokratischer Verwaltung eine prinzipielle Feindschaft weder zu ihren ökonomischen Nutznießern noch zu ihren politischen Herren erforderlich macht. „Es geht ihnen gut!“ – so wissen sie das Arbeitsleuten zuträgliche Maß an Lohn und Leistung, Bedürfnissen und Pflicht einzuschätzen. Den Vorwurf der „Bevormundung“ reservieren sie – selbst in Amt und Würden gelandete Akademiker – für linke Intellektuelle, denen sie auf die Schliche gekommen sein wollen mit ihrem sozialen Engagement: es ziele auf die Errichtung einer neuen „Priesterherrschaft“, was sich schon daran ablesen lasse, dass der die Republik „zersetzende Geist“ auf studierende und studierte Minderheiten beschränkt sei und bei den echten Arbeitern keinen Anklang finde. Diese Berufung auf die „sozial Schwachen“, die von der Überflüssigkeit einer Revolution schon allein dadurch Zeugnis ablegen, dass sie die ihnen auferlegten Existenzbedingungen ertragen, stellt ein feines Beweisverfahren dar; seltsamerweise scheint es aber seine Verfechter nicht zu überzeugen, da sie mit der theoretischen Widerlegung des Marxismus durch die nicht stattfindende Revolution keineswegs zufrieden sind. Aus der freudig konstatierten Ablehnung des Marxismus verfertigen sie politische Aufrufe an sämtliche politische Instanzen, diese Irrlehre, sooft sie personifiziert auftritt, zu unterbinden – was im Namen der „wehrhaften Demokratie“ dann auch geschieht.

Insofern, als bürgerliche Wissenschaftler aus allen Disziplinen – Politiker außerdem immerzu – nicht müde werden, dem Marxismus den Status einer abgetakelten Irrlehre zuzuweisen, die sich an der Realität blamiere, gestehen sie zumindest eines ein: dass die liebe „Realität“ ohne das rechte Verständnis von ihr und ganz automatisch eine so gewaltige Attraktion wohl nicht darstellt. über die Unzufriedenheit der lohnarbeitenden Zeitgenossen mit ihren Umständen sind sie sich offenbar nicht minder im klaren wie ihre marxistischen Zielscheiben; deren zerstörerische Konsequenzen freilich mögen sie nicht mitmachen, weshalb sie das unzufriedene Mitmachen an der „Realität“ empfehlen und mit Argumenten bekräftigen, also für notwendig ausgeben. Gestandene Konservative leisten sich da durchaus einmal den Hinweis, dass im Erziehungswesen sowie in der Werbung ein „Anspruchsdenken“ erzeugt wird, welches Enttäuschungen unausweichlich mache und somit statt freudiger Pflichterfüllung und Opferbereitschaft nur Staatsverdrossenheit und Anfälligkeit für marxistische Glücksutopien hervorrufe. Dass sie damit eine Lebenshaltung, Bescheidenheit nämlich als Charaktereigenschaft nicht nur zum Erziehungsziel, sondern auch zum Impfstoff gegen staatsfeindliche Umtriebe erklären, erfüllt sie nicht mit den Befürchtungen in Bezug auf das revolutionäre Ende aller abendländischen Werte, die sie zu heucheln gewohnt sind. Auf die Praxis der gelungenen Unterwerfung, auf ein funktionierendes, zur Gewohnheit gewordenes Mitmachen stützen sich nämlich ihre Gemeinheiten – und gäbe es wirklich ein „Anspruchsdenken“, das durch ihre’Aufrufe zum Opfer erst noch von seiner Unhaltbarkeit überzeugt werden müsste, würden sie mit ihren Argumenten keinen Stich machen: dem Befund „unsere Wirtschaft verträgt weder höhere Löhne noch die bisherigen“ würde schlicht entgegnet: „unsere Lebensbedürfnisse vertragen diese Wirtschaft nicht mehr”!

Nicht anders wäre es übrigens der anderen Abteilung gegangen, die sich auf politisch „demokratischer Sozialismus“ und auf wissenschaftlich „kritischer Rationalismus“ schimpft. Deren Auseinandersetzung mit dem Argument „Revolution“ ist nämlich genauso billig geraten wie die der christlichen Menschennatur: Reformen sind möglich, der Kapitalismus verändert sich durch sie, also müssen die an die Macht, die das programmatisch erzählen. Sie sind die im Staat und als Staat eingerichtete Beschwerdestelle für jede anerkannte Unzufriedenheit, verdienen konstruktive Kritik, die sie mit Recht von verfehlter scheiden; das macht den Klassenkampf überflüssig, seine hartnäckigen Verfechter schuldig, weil sie den Amtsweg der Kritik scheuen. Was möglich ist, wird auch gewährt; mehr als vorhanden ist, kann nicht verteilt werden; Kompromisse sind notwendig, wer sie nicht erträgt, ist nicht tolerant, missbraucht die ihm zugestandene Freiheit und will nicht einsehen, dass der „Ersatz“ des Klassenkampfes durch Reformpolitik verbindlich ist. Dass die Idee der sozialen Demokratie auf die Sicherung des sozialen Friedens zielt, dessen Einhaltung mit Wirtschaftswachstum und der Diskussion sämtlicher Notwendigkeiten samt viel Verständnis entgolten wird.

Der sozialdemokratische Antimarxismus preist eine alternative Handhabung der Staatsmacht quasi als Einlösung des Programms der Arbeiterbewegung; dabei ist seine Anerkennung der ehemals kämpferisch vertretenen Interessen von vorne herein eine sehr bedingte: Er schätzt sie als Mittel in der Konkurrenz um die politische Macht, zu der er sich bekennt, weil diese allein für die Abwicklung der Interessengegensätze zuständig ist. In den Argumenten des demokratischen Reformsozialismus bekennen sich Liebhaber des Regierens zum Klassenstaat als der einzigen Chance, die den „sozial Schwachen“ bleibt. Dass diese bei aller sozialstaatlichen Gerechtigkeit nicht „sozial stark“ werden, wird ebenso versprochen wie die Nicht-Umkehrbarkeit des Weges vom Klassenkampf zum Wahlkampf im Falle konservativer Regierungen.

Das intellektuelle amm dazu ist die Ideologie des Pluralismus: Als wäre von den Entscheidungen in den Fabriken bis zur Rüstungsdiplomatie alles ein Resultat von Diskussionen, in denen sich eine Unzahl von ihrer Irrtumsmöglichkeit überzeugten Individuen verständigen würde, ertönt der Aufruf zur Toleranz und Relativierung selbstsüchtiger Interessen, ohne die kein Staat zu machen sei. Das ganze als Modell demokratischen Dialogs „begründet“ aus dem wissenschaftlichen Dogma, dass sicheres Wissen ohnehin nicht gehe! Auch diese Lehre versteht sich auf den gut vorbereiteten Übergang zur legitimierten Praxis, die das nachträgt, was das intellektuelle „Gebot“ zur „selbstkritischen Vernunft“ von sich aus bestimmt nicht leistet: die Überzeugungskraft. Denn die „Probleme“, mit denen sich die Leute konfrontiert sehen, die da von der Unvernunft des Klassenkampfes abgebracht werden sollen, sind etwas anders geartet als die menschheitsbewegende Philosophie, die sich gegen Revolution ausspricht, „weil“ der Mensch irrt, solange er strebt. Die Frage ist nur, ob die Gründe für das Streben im Kapitalismus, die sich die gewöhnlichen Zeitgenossen ganz ohne große Philosophie zu eigen machen, mehr taugen.

Wie das 20. Jahrhundert Gründe für die Revolution beseitigt

Marx hat leider nur ein Buch über das 19. Jahrhundert geschrieben. Heute suchen sie, vorneweg der Zimmermann Fritze, die Gift-Fässer von Seveso. Ob sie Marx gefunden hätte? Oder wenigstens die Kompetenzen geklärt und in einer TV-Reportage danach geseufzt, dass die Regierung unterrichtet gehört, weil sie sonst nicht bescheid weiß? Kaum anzunehmen; ihm wäre sicher einer von den hochtrabenden Sätzen eingefallen wie der: „Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“ Statt das Problem zu sehen, hätte er sich für unzuständig erklärt. Nicht einmal mit den Grünen hätte er gemeinsame Sache gemacht, die wenigstens ein Bewusstsein haben von den Problemen; die haben darauf aufmerksam gemacht, und zwar uns alle, dass wir alle besser auf die Natur aufpassen müssen. Marx ist das wurscht, weil er borniert darauf starrt, dass es beim Geschäft des Kapitals immer Gift gibt, dessen Beseitigung nur Unkosten machen würde. Weil er den obersten Umweltschützer, den „wir“ in der Hauptstadt, für einen Klassenstaat hält, der vom gutgehenden Geschäft was hält und hat – ein „Wachstum“ und viel Macht –, so dass er bloß wegen des Schutzes der Mehrheit vor ein paar Abfällen, oder damit den Leuten ihr Wald als Genussmittel erhalten bleibt, doch nicht kostspielige Auflagen für die „Industrie“ erlässt. Wo die Grünen – und jetzt, wo sie das Problem in die Welt getragen haben, auch alle anderen Parteien – sagen: „jawoll, die Erhaltung der Natur ist uns ein Opfer wert!“ hätte Marx mit seinem ganzen Zynismus von der Natur als „Springquelle des Reichtums“ geredet, statt mit ihr eine Partnerschaft anzuzetteln! Zur Entschuldigung hätte er wahrscheinlich gesagt: „Der Reichtum besteht, stofflich betrachtet, nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse.“, aber nur, um dann scheinheilig aufs Kapital zu deuten, dem es auf die Vermehrung von Wert ankommen soll! Und trotz der tausendfachen Widerlegung seiner metaphysischen Wertlehre würde er sicher heute noch behaupten, dass es den Wert gibt – als Geld und Kapital, das zu seiner Vermehrung auch den stofflichen Reichtum benützt und den Leuten vorenthält. Deswegen hätte er ja auch bei den Seveso-Fässern, mit denen „der“ Arbeiter wahrlich nix zu schaffen hat – höchstens die beim Unglück damals und jetzt beim Transport –, den Arbeiter reingebracht. So dass er schließlich dort gelandet wäre, wo er hin wollte – bei einem Grund für die Revolution. Ohne Zerstörung von Leuten und ohne die Rücksichtslosigkeit in bezug auf die Natur, die manch einer genießen möchte, ist Kapitalismus nicht zu haben. Wo Land und Leute – so hätte er, typisch, verallgemeinert – zum Geschäftsmittel werden, wird’s dauerhaft ungemütlich. Also…

Die Arbeitslosen, das Problem Nr. 1 in der heutigen Marktwirtschaft, wären ihm genauso gleichgültig gewesen bei seinem Rat, das Geschäft zu behindern. Schon zu seiner Zeit hat es ja manchmal an Arbeitsplätzen gefehlt, weil die Wirtschaft keine mehr schaffen konnte, also keiner mehr einen finden konnte auf dem Arbeitsmarkt. Hat er da vielleicht die Regierung unterstützt und als Sozialwissenschaftler eine Strukturanalyse eingereicht (dann hätte er sogar noch etwas verdient nebenbei und nicht immer auf pump leben brauchen!)? Hat er wenigstens ein Herz für die Arbeitslosen gehabt und bedauert, dass ihnen der Sinn des Lebens und die soziale Interaktion abgeschnitten wird?

Nein, in furchtbarem Deutsch hat er ein 23. Kapitel geschrieben und von einer „Surplusarbeiterpopulation“ gefaselt, als „notwendiges Produkt der Akkumulation oder der Entwicklung des Reichtums auf kapitalistischer Grundlage“. Man hört schon heraus, wo das wieder hinzielt. „Ohne Arbeitslose ist doch kein Wachstum zu haben“, oder so ähnlich hätte er argumentiert; dabei brauchen wir Wachstum, und nicht einmal dann kriegen wir alle Arbeitslosen unter.

Es sind übrigens ganz einfache Tricks, mit denen Marx auch dem 20. Jahrhundert die Notwendigkeit des Klassenkampfes entlockt hätte. Bei den Arbeitslosen, einer Angelegenheit, wo jeder Blödmann sieht, dass von etwas zu wenig da ist, wo also Mangel an Arbeitsplätzen herrscht – selbst da bringt er den Reichtum hinein! Wo der Arbeits- und Leistungsgesellschaft die Arbeit ausgeht, weil sich Investitionen nicht rentieren, selbst da hätte er noch von Profit gesprochen, als dem Maßstab des Kapitals, das Leute nur ernährt, wenn sie seiner Vermehrung dienen. Aber von der Knappheitsproblematik hat er eben wegen seiner fixen Vorstellung (vom „Reichtum der Gesellschaften“ redet er gleich zu Anfang im „Kapital”) von der Revolution nichts wissen wollen. Bei Marx wird immerzu und immer neues Zeug produziert, dann ist es Kapital, die Arbeiter müssen’s machen – und haben nichts davon. Tja, wenn’s immer mehr gäbe, dann könnte ja wohl auch jeder kriegen, was er braucht! Und außerdem fällt so wenig auch wieder nicht ab, gerade hier in Deutschland, wo manchmal die Leute mehr verbrauchen, als da ist und verteilt werden kann. Aber Marx wäre sicher auch mit der Meldung am Montag nach der Wahl fertig geworden, die vorne auf der Zeitung stand.

„Die Deutschen um 40 Mrd. reicher!“ hat es da nicht ohne Stolz geheißen. Und zwar nicht durch eine Revolution, sondern durch eine demokratische Wahl! Das hätte ihn so sehr gewurmt, dass er glatt bestritten hätte, dass die Börsengewinne von wegen Vertrauen in die politische Stabilität den Deutschen zugekommen sind. Als wären die Besitzer von Aktien keine Deutschen, hätte er wieder zwischen Kapital und Arbeit unterschieden (wo’s doch in diesem Fall wirklich bloß um Kapital geht) und vom Proleten angefangen, der vom fiktiven Kapital und dem ganzen Kreditwesen nichts hat. Dabei könnte der Aufschwung durchaus gut für die gespannte Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt sein (in der letzten Zeit ist nämlich viel deutsches Geld auf dem amerikanischen Kapitalmarkt gegangen und hat dort die 10 Mio. Arbeitslosen verköstigt); Marx freilich hätte sich so über den Tatbestand geärgert, dass hier wieder einmal seine Mehrwerttheorie widerlegt worden ist – bei den 40 Mrd. hat jedenfalls kein Arbeiter Hand anlegen müssen –, dass er den Proleten vorgeschrieben hätte, kein Vaterland haben zu dürfen. Das wegen der Arbeitslosen und Versicherten und ihrem sozialen Netz erforderliche Sparprogramm der Regierung wäre ihm da sicher als „Beweis“ zupass gekommen.

Schon vor 100 und mehr Jahren hat er nämlich an keiner sozialen Maßnahme des Staates ein gutes Haar gelassen. Während er am Geld- und Kreditwesen einseitig seine Werttheorie auf Biegen und Brechen zurecht konstruierte und – das Verteilungsproblem und die Versorgung mit Liquidität ging ihn ja nichts an! – immer wieder auf die Gewalt des Staates hinwies, die dem „Wert“, dem „abstrakten Reichtum“ zur Gültigkeit verhilft (mit solchen Hegel-Brocken meint er zu beeindrucken; dabei verwendet er das Wort „abstrakt“ ganz wörtlich im Sinne von „getrennt“, selbständig gegenüber dem stofflichen Reichtum wie der Arbeit, die ihn schafft), ist ihm beim Schutz der Arbeit, die diese „Gewalt“ vornahm, nur der lakonische Satz eingefallen: „Was könnte die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisieren als die Notwendigkeit, ihr durch Zwangsgesetz von Staats wegen die einfachsten Reinlichkeits- und Gesundheitsvorrichtungen aufzuherrschen!“ Dieser Zyniker hätte seine helle Freude an den Unfallstatistiken von heute, den Berufskrankheiten und dieser Asbestgeschichte, mit der sich gerade eine Kommission befasst…

Seine Manier, alle Probleme so hinzudrehen, als wären sie dadurch zu lösen, dass man sich ihnen nicht stellt, hat ihn auch die Friedenssicherung, das größte außenpolitische Problem von heute, schon damals sehr leichtfertig behandeln lassen. Er hat den Arbeitern Frieden „versprochen“ für den Fall, dass sie sich ihrer Ausbeuter und politischen Herrschaft entledigen: „In dem Maße, wie die Exploitation des einen Individuums durch das andere aufgehoben wird, wird die Exploitation einer Nation durch eine andere aufgehoben. Mit dem Gegensatz der Klassen im Innern der Nation fällt die feindliche Stellung der Nationen gegeneinander.“ Wahrlich ein feines Friedensprogramm, das so tut, als wären die Menschen frei von Aggression und die Angehörigen verschiedener Länder würden nur deshalb zu Feinden, weil ihre Staaten bei der Wahrung ihrer auswärtigen Geschäftsinteressen mit den anderen Streit bekämen! Und während die Arbeiter sich mit ihren Arbeitgebern herumschlagen, wer leitet inzwischen die Abrüstungsverhandlungen und sorgt für Sicherheit? Herr Marx sicher doch wohl nicht. Er fährt auch nicht in die Entwicklungsländer und investiert bei den Ärmsten, wenn zum Investieren vor lauter Klassenkampf noch etwas übrigbleibt. Aber er und seine Schüler haben ja auch dafür schon eine „Theorie“ zusammengeschustert, ausgerechnet am Beispiel vom Umgang Englands mit Indien: Nur mit Kredit, ohne wirklichen Reichtum einzusetzen, soll England aus den natürlichen Reichtümern Indiens Kapital gemacht und in den Weltmarkt einbezogen haben. Bezahlt soll nur für „gute Regierung“ worden sein! Wenn es so einfach ginge, wie sähe es dann heute wohl in Indien aus; und in den anderen Ländern erst, wo seit Jahrzehnten Entwicklungs-, Kapital- und Waffenhilfe hingehen, um das Schlimmste abzuwenden?

Objektiv gesehen stehen wir heute vor den heikelsten Problemen, sowohl in der Arbeitswelt, die humanisiert werden muss, obwohl alle Viecher aus ihr verschwunden sind, wie in der Sozialpolitik und in den internationalen Beziehungen. Durch die Marxsche Brille besehen, lässt man sich freilich gern von diesen Schwierigkeiten und den komplexen Zusammenhängen ablenken. Dann ist sogar die öffentliche Dummheit nur Ausdruck für die Gemeinheit der Zuständigen – und ein Grund für die Revolution. Darauf sollten sich die Betroffenen aber nicht einlassen, bevor sie die „Gewaltfrage“ gewissenhaft verabschiedet haben!