Marx-Lesekreise bundesweit — ergänzende Texte und Vorträge

Was bleibt von Karl Marx ? 

Eine marxistische Kritik an den segensreichen Wirkungen unserer Marktwirtschaft ist inzwischen so out, dass vielerorts Soziologen den alten Marx als Mitbegründer ihres Faches wieder entdecken und würdigen. Freilich auf ihre Art. Da der tote Mann in dem Ruf steht, dass er seine theoretische Kritik am Kapitalismus praktisch werden lassen wollte, ist Vorsicht beim Eingemeinden dieses Kommunisten geboten.

Die Frage lautet deswegen: „Was bleibt von Karl Marx für die Sozialwissenschaften.“ Und die Antwort auf diese selbstgestellte Frage fällt in aller Regel nach ausführlicher Würdigung der vielen „Fehler und Mängel“ dieses seltsamen „Soziologen“ in etwa so aus: Marx’ Klassenschema aus dem letzten Jahrhundert war, wenn man es gutwillig betrachtet, so eine Art steinzeitliche Vorform des kunstvollen Zwiebelmodells der Gesellschaft, wie es richtige Soziologen heute zu entwickeln pflegen. Auch die ehemaligen Schlüsselkategorien „Kapital und Arbeit“, die er natürlich „überbetonte“, spielen „nach wie vor eine wichtige Rolle“. Und weil „das gesellschaftliche Sein teilweise auch durch Konflikt geprägt ist“, ist die „Theorie des Klassenkampfs“ zwar so überspitzt wie überholt, kann aber in gewisser Weise noch immer als „impulsgebend“ für die moderne Konfliktforschung angesehen werden. Mehr ist aber auch nicht los mit dem Mann, den als „Klassiker der Soziologie“ zwischen so klangvolle Namen wie Auguste Comte, Max Weber oder Herbert Spencer zu stellen wohl eher ein Dokument seiner praktischen wie theoretischen Bedeutungslosigkeit darstellt. Dabei war er mal in aller Munde, die Arbeiterbewegung berief sich auf seine Theorie, Parteien und Gruppen hatten sich nach ihm benannt, für etliche Studenten der sechziger bis achtziger Jahre gehörte es sich, Marx gelesen zu haben, und mancherorts ging manche Promotion nur mit den „blauen Bänden“ – wenigstens im Literaturverzeichnis. Für Studenten des Jahres 2000 eigentlich völlig rätselhaft.

Das Rätsel ist aber keines: Marx verdankte den größten Teil aller Anstrengungen, die seinem wissenschaftlichen Werk galten, der Existenz eines Systems, das sich auf ihn als seinen geistigen Urheber berief und sich „Realer Sozialismus“ nannte. Obwohl ihn manch ein Absolvent unseres weltberühmten Bildungssystems mittlerweile für den Begründer der DDR halten mag, hätte Marx sich diese Berufung verbeten. Gleichwohl machte sie ihn zum Gegenstand umfangreicher Auseinandersetzungen. Freunde dieses Systems studierten ihn mit Verehrung, warben für sich mit seinen Worten, Gegner meinten ebenfalls, um eine Beschäftigung zwecks Widerlegung nicht herumzukommen, und die Indifferenten merkten einfach, welches Thema angesagt war.

Besagtes System hat sich bekanntlich abgemeldet. Seine Führer waren der Ansicht, mit Marktwirtschaft sei mehr Staat zu machen als mit ihren überkommenen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Seitdem gilt der Kommunismus als tot, und die Befassung mit seinem wissenschaftlichen Begründer kann abgehakt oder mal eben mit ein paar eher abfälligen Bemerkungen zwischen Comte und Spencer eingeschoben werden. Eine Auseinandersetzung mit der Marxschen Theorie findet jedenfalls nicht mehr statt. Die gilt als „überholt“ und „widerlegt“ – und das sehr zu Unrecht:

Eine „unhaltbare Verelendungstheorie“

Der weltweite Siegeszug der Marktwirtschaft hat den Kapitalismus so alternativlos gemacht, dass sich Marx’ Gedanke an seine Überwindung, damit alle Menschen anständig leben können, von vornherein als Ausfluss einer versponnenen „Heilslehre“ blamiert. Schon die Kapitalismuskritik in diesem Sinne gilt argumentlos als eigentlich hinfällig.

Nur so erklärt sich, dass Soziologen seine Theorie als „von der Wirklichkeit“ gründlich widerlegt hinstellen können, ohne diese Theorie oder die Wirklichkeit überhaupt näher in Betracht zu ziehen. Ein paar theoretische Bruchstücke von 1867 mit Anmerkungen zur Realität des Jahres 2000 können daher nicht schaden:

„Je höher die Produktivkraft der Arbeit, desto prekärer die Existenzbedingung der Arbeiter: Verkauf der eigenen Kraft zur Vermehrung fremden Reichtums. Im Maße wie Kapital akkumuliert, muss sich die Lage des Arbeiters, welches immer seine Zahlung, hoch oder niedrig, verschlechtern.

Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, die Produktivkraft der Arbeit, desto größer daher die industrielle Reservearmee. In diese Notwendigkeit ist die Produktion des Pauperismus als Invalidenhaus der aktiven Arbeiterarmee eingeschlossen; mit ihr bildet er eine Existenzbedingung des kapitalistischen Reichtums.

Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol.

Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.“

Was an dieser Verelendungstheorie ist überholt? Dass gerade die erfolgreichsten kapitalistischen Nationen ein Heer von Arbeitslosen verwalten und auf dieser Basis darum konkurrieren, wer das nationale Lohnniveau zum Wohle des Wirtschaftswachstums senkt, gilt 2000 genauso wie zu Marx‘ Zeiten. Höchstens, dass Marx die Fortschritte der diesbezüglichen Praxis nicht zu denken gewagt hätte: die Karriere Afrikas als Hungerkontinent nach erfolgreich verlaufener weltwirtschaftlicher Integration; die Rückkehr der Diphterie in ein Land, das Raumstationen unterhält und vor marktwirtschaftlichen Ambitionen nur so strotzt; oder die Kinderprostitution als Beitrag zur halbwegs gesicherten Kalorienversorgung südostasiatischer Durchschnittsfamilien. Mit der Frage, warum die normale Nahrungsmittelaufnahme den Dermatologen die Praxen füllt, wäre Marx klargekommen: Die „Methoden zur Beschleunigung der Produktionsperiode in der Agrikultur“ hat er schließlich analysiert. Dass aber die Bewohner eines Kontinents seit Jahren die Sonne auf der Haut meiden sollen, weil die globale Untergrabung der „Springquellen allen Reichtums“ inzwischen die Stratosphäre erreicht hat, hätte Marx doch ins Grübeln gebracht. Die Vorgänge um die Arbeit im „Standort Deutschland“: vier Millionen statistisch erfasste (und dazu etliche nicht erfasste) Mitglieder der „relativen Überbevölkerung“, von denen bald ansehnliche Teile mit einer fünfprozentigen Abschreibung pro Jahr im „Invalidenhaus der Arbeiterarmee“ landen sollen; geschätzte 7000 herumstreunende Kinder, die Weihnachtsaktion der Lokalzeitung, die einem Frührentner mit der Überreichung eines Transistorradios so etwas wie einen Lebenstraum erfüllt; Lohnsenkungsrunden zur Entlastung des „funktionierenden Kapitals“; sechs Mark Stundenlohn für Bauarbeiter aus Polen; eine Abschaffung von Überstundenzuschlägen, die mit der Vermehrung der Wochenendarbeit kompensiert werden soll – all das wäre ihm schneller vertraut gewesen. Die Zustände in London und Manchester kannte er ja aus eigener Anschauung. Sie waren ihm allerdings kein Anlass zu Elendsreportagen, die an eine vermeintliche Sorgepflicht des Staates oder ans moralische Gemüt appellieren. Er nahm sie als Indizien einer Gesellschaftsordnung, die System haben. Und dem ist er auf den Grund gegangen.

Eine „Überzeichnung“ namens Klassengesellschaft

Die Analysen von Marx gelten mindestens als „eindimensional“. Immer nur an das eine gedacht, an Mehrwert, Akkumulation, an das alles bestimmende Interesse der kapitalistischen Klasse.

Ob dieser Vorwurf sitzt? Es mag ja sein, dass die Marxsche Kritik an einem Staatswesen, das die ganze Gesellschaft vom Wachstum des Kapitals abhängig macht, heutzutage auf fraglose Ablehnung stößt. Aber dann wegen ihres oppositionellen Charakters, doch nicht deshalb, weil sie den Sachverhalt falsch darstellen würde. Das Kapital ist das Lebensmittel der Nation. Jeder „Standort“-Minister sagt das dreimal am Tag, wenn er auf die „Globalisierung“ verweist, deretwegen „wir“ alles tun müssen, damit das Kapital der Welt zu „uns“ und nicht zu den anderen Nationen kommt; wenn er deswegen die berühmten „Lohnnebenkosten“ beklagt, die „wachstumsgefährdende Altersstruktur der Bevölkerung“ oder die „Konkurrenznachteile aus überzogenen Umweltschutzauflagen“. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, die deutsche Exekutive sei aus lauter „wirtschaftspolitischen Sachzwängen“ schon nicht mehr dazu fähig, dem Nachwuchs genügend Kindergartenplätze zu besorgen – eine Sache, die die „völlig marode DDR“ noch mit links erledigte. Auch SPD-Bundeskanzler Schröder denkt derart eindimensional an den Mehrwert, dass er keine Parteien mehr, sondern nur noch starke oder schlappe Führer kennt, die den „Sachzwängen“ der Marktwirtschaft zum Wohl des deutschen Wachstums entsprechen oder nicht. Bündnis 90/Die Grünen halten das Geschäft mit der Ökologie für den Markt der Zukunft und tun in der Regierung alles für dessen Eroberung. Und die Damen und Herren von der Opposition halten das alles für ungenügend – für das Wachstum des deutschen Kapitals. Die führenden Gewerkschafter haben ihre „Lohnkampfmaschine“ verschrottet: Wenn die Unternehmer im Rahmen ihrer Gewinndispositionen neue deutsche Arbeitsplätze bereitstellen sollen, darf man sie nicht mit der Forderung ins Ausland verscheuchen, dass die sich für den Arbeiter auch lohnen müssten. So orientieren Gewerkschaften heute ihre Möglichkeiten am alles bestimmenden Interesse der kapitalistischen Klasse.

Und von der war gerade noch gar nicht die Rede. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie allüberall damit argumentieren kann, dass ihre Gewinne doch die Voraussetzung sind für jeden Arbeitsplatz, jede Steuer und alles, was sonst so läuft in der Marktwirtschaft, soll als Hinweis genügen.

Eine „Unterschätzung der sozialstaatlichen Interventionen“

Bismarcks Sozialistengesetz durfte Marx noch erleben, ins Geburtsjahr der Sozialgesetzgebung fällt sein Todestag. Er hat sie daher in seinem Werk nicht berücksichtigt. Die soziologische Vermutung, Marx habe wegen seiner ökonomischen Brille die den Kapitalismus modifizierende „Staatsintervention übersehen“, lässt sich allerdings weder daraus noch sonstwie erhärten.

Zur englischen Fabrikgesetzgebung von 1864 meldet „Das Kapital“ folgendes: „Was könnte die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisieren als die Notwendigkeit, ihr durch Zwangsgesetz von Staats wegen (!) die einfachsten Reinlichkeits- und Gesundheitsvorrichtungen aufzuherrschen?“

Was charakterisiert den Kapitalismus besser als der Umstand, dass der normale Arbeitslohn eine Vorsorge für die sicher eintretenden Wechselfälle des Arbeiterlebens – Krankheit, Beschäftigungslosigkeit, Alter – überhaupt nicht hergibt? Dass diese Produktionsweise sich auch hier „mit der blind zerstörenden Wirkung eines Naturgesetzes durchsetzt“ (Marx), also das Volk ruiniert, wenn nicht der Staat in einer Zwangsversicherung aus einbehaltenen Lohnteilen wenigstens die allgemeine Brauchbarkeit der Arbeiterschaft für das Wachstum des Kapitals organisiert?

Wer eine Probe auf das „allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“ will, der Sozialstaat ist sie. Es gibt ihn wegen der zerstörerischen Wirkungen dieser Produktionsweise, um deren Gelingen es ihm geht. Daher spielt sich zur Zeit ein aufmerkenswerter Vorgang ab: Die Akkumulation selbst, würde Marx sagen, stellt die sozialen Einrichtungen in Frage, die doch nur zu ihrem Fortschritt veranstaltet werden. Wie man hört, sind die Einkommenshöhen, Arbeitszeiten, Krankenstände, Lebensalter, die Menschen schon in ihrer schieren Anzahl eine äußerst schwere Belastung der Wirtschaft und des Sozialstaats geworden. Der Standort Deutschland verträgt sein Volk nicht mehr. Ein „Umbau“ des „sozialdemokratischen Fürsorgestaates“ im Sinne einer „Reprivatisierung der Sozialkosten“ steht an. Und eine „Magnetwirkung“ Richtung Ostblock braucht dabei nicht mehr berücksichtigt zu werden.

Darüber kriegt das, was jahrzehntelang zwar nicht die Wahrheit, aber der herausposaunte Stolz der Nation war: die Überwindung des Kapitalismus durch die soziale Marktwirtschaft mit ihrem „Wohlstand für alle“, ein zeitgemäßes Update: Die öffentliche Moral wird fordernd: gegen „Anspruchsdenken“, „Arbeitnehmermentalität“, „Sozialmissbrauch“, „Scheinasylantentum“ und die „ausländische Konkurrenz“. So geben selbst die Leidtragenden der Akkumulation Marx noch einmal recht und erweisen sich als die „Ensembles der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Ihre praktischen Schwierigkeiten und ihre Not lassen sie sich als Notwendigkeit, als Sachzwang einleuchten, und werden nur noch in einer Hinsicht kritisch: Wenn die flächendeckende Senkung des Lebensstandards schon unabänderlich ist, dann soll sich gefälligst keiner mehr herausnehmen als sie; am allerwenigsten die Ausländer, die eigentlich sowieso nicht hierhergehören.

Deshalb ist der Kommunismus tot. Die Professoren können Marx abhaken. Und der Kapitalismus funktioniert, wie es in seinem Buche steht.

Lektürehinweise

Was bleibt von Marx? Jedenfalls das „Kapital“ in drei Bänden: Marx Engels Werke (MEW) Bde. 23, 24, 25; aufschlussreich auch ein Aufsatz der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-92: Die Behauptungen des Karl Marx, die Lohnarbeit betreffend.